Der Body Mass Index (BMI) ist eine weit verbreitete anthropometrische Maßzahl zur Einschätzung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße und dient als Screening-Tool zur Klassifizierung von Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas. Berechnet wird er durch die Division des Körpergewichts in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern (kg/m²), wobei die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) standardisierte Kategorien verwenden: Untergewicht (BMI < 18,5), Normalgewicht (18,5–24,9), Übergewicht (25,0–29,9) und Adipositas (≥30,0) [1]. Obwohl der BMI auf Populationsebene eine starke Korrelation mit Körperfett und gesundheitlichen Risiken wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmten Krebsarten aufweist, hat er erhebliche Limitationen, da er weder zwischen Fettmasse und Muskelmasse differenziert noch die Verteilung des Körperfetts – insbesondere des metabolisch aktiven viszeralen Fettgewebes – erfasst [2]. Diese Unzulänglichkeiten führen zu Fehlklassifikationen, insbesondere bei Athleten mit hoher Muskelmasse oder bei älteren Menschen mit „normalgewichtigem Adipositas“, und werden verstärkt kritisch diskutiert, insbesondere im Hinblick auf ethnische Unterschiede, da beispielsweise asiatische Bevölkerungsgruppen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen aufweisen [3]. Um diese Probleme zu adressieren, empfehlen Experten wie die American Medical Association (AMA) die Ergänzung des BMI durch Maße wie die Taillenumfang-Messung, Körperzusammensetzungsanalysen mittels Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA) oder metabolische Biomarker [4]. Zudem wird zunehmend die historische und kulturelle Verankerung des BMI kritisiert, da er auf westlichen, vorwiegend weißen Bevölkerungsdaten basiert und somit kulturelle Normen wie die Wertschätzung größerer Körper in afrikanischen oder polynesischen Gesellschaften ignoriert [5]. Alternative Indizes wie der Body Roundness Index (BRI) oder das waist-to-height ratio (WHtR) werden als genauere Prädiktoren für metabolische Risiken erprobt [6].
Berechnung und historische Entwicklung des BMI
Der Body Mass Index (BMI) ist eine anthropometrische Maßzahl, die das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße quantifiziert. Seine Berechnung basiert auf einer einfachen mathematischen Formel, die ursprünglich im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und sich seitdem zu einem zentralen Instrument in der öffentlichen Gesundheit und klinischen Praxis entwickelt hat. Die historische Entwicklung des BMI spiegelt nicht nur Fortschritte in der medizinischen Anthropometrie wider, sondern auch die Einflüsse sozialer, kultureller und wissenschaftlicher Paradigmen.
Mathematische Grundlagen und Berechnung
Die Berechnung des BMI erfolgt durch die Division des Körpergewichts in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern (kg/m²). Diese Formel, auch bekannt als Quetelet-Index, wurde erstmals vom belgischen Mathematiker und Astronomen Adolphe Quetelet in den 1830er Jahren formuliert [7]. Quetelet beobachtete empirisch, dass das Körpergewicht von Erwachsenen näherungsweise mit dem Quadrat der Körpergröße skaliert, was von der geometrischen Erwartung abweicht, dass Masse mit der dritten Potenz der Höhe zunehmen sollte. Dieser Unterschied erklärt sich aus der Tatsache, dass menschliche Körper nicht isometrisch wachsen – größere Menschen sind relativ schlanker und weisen eine geringere Massendichte auf als kleinere Personen [8].
Die Formel lautet:
BMI = Gewicht (kg) / [Körpergröße (m)]²
In Ländern, die das imperiale Einheitensystem verwenden, wird die Formel angepasst:
BMI = [Gewicht (lb) / (Körpergröße (in))²] × 703
[2]
Diese mathematische Skalierung ermöglicht eine standardisierte Vergleichbarkeit von Körpergewicht über verschiedene Körpergrößen hinweg und bildet die Grundlage für die breite Anwendung des BMI in der Epidemiologie und klinischen Praxis.
Historische Entwicklung und medizinische Etablierung
Obwohl Quetelet den Index als Teil seiner „sozialen Physik“ konzipierte, um den „durchschnittlichen Menschen“ (l'homme moyen) zu definieren, war seine ursprüngliche Absicht nicht die medizinische Bewertung von Gesundheit [10]. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Quetelet-Index in den medizinischen Kontext übertragen. Ein entscheidender Schritt war die Arbeit des amerikanischen Physiologen Ancel Keys in den 1970er Jahren. In einer Studie mit über 7.000 Männern aus fünf Ländern argumentierte Keys, dass der BMI eine zuverlässige und einfache Annäherung an die Körperfettmasse darstellt und sich gut für bevölkerungsbezogene Gesundheitsbewertungen eignet [11].
Die endgültige Etablierung des BMI als globalem Gesundheitsstandard erfolgte 1997 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die einheitliche Kategorien für Übergewicht (BMI ≥25 kg/m²) und Adipositas (BMI ≥30 kg/m²) definierte [12]. Diese Standardisierung basierte jedoch hauptsächlich auf Daten aus weißen, mittelständischen Populationen in Nordamerika und Europa, was zu Kritik an der Universalität dieser Grenzwerte führte [13].
Kulturelle und soziale Einflüsse auf die Verbreitung des BMI
Die globale Verbreitung des BMI ist eng mit der Ausbreitung westlicher medizinischer Standards verbunden und spiegelt historische Muster der wissenschaftlichen Kolonialisierung wider [14]. Die Einführung des BMI in internationale Gesundheitsprogramme erfolgte oft ohne Anpassung an lokale Körperzusammensetzungen oder kulturelle Normen, was zu Fehlklassifizierungen und Diskrepanzen in der Gesundheitsbeurteilung führt. Beispielsweise zeigen Studien, dass asiatische Bevölkerungsgruppen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen, während polynesische Populationen bei höheren BMI-Werten oft metabolisch gesund bleiben [3].
Zudem wird kritisiert, dass der BMI historisch mit eugenischen Ideologien und rassenspezifischen Hierarchien verknüpft ist, in denen dünne, weiße Körper als idealtypisch galten und andere Körperformen pathologisiert wurden [5]. Diese kulturellen Annahmen haben zur Stigmatisierung bestimmter Körpergrößen beigetragen und beeinflussen bis heute die Wahrnehmung von Gesundheit und Ästhetik in globalen Gesundheitsdiskursen.
Standardisierte BMI-Kategorien und deren Anwendung
Der Body Mass Index (BMI) dient als weit verbreitetes anthropometrisches Maß zur Klassifizierung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße. Die wichtigsten Gesundheitsorganisationen, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), verwenden standardisierte Kategorien, um Erwachsene in Gewichtsklassen einzuteilen. Diese Kategorien sind: Untergewicht (BMI < 18,5), Normalgewicht (18,5–24,9), Übergewicht (25,0–29,9) und Adipositas (≥30,0) [1]. Diese Einteilung gilt für Erwachsene unabhängig von Geschlecht und Alter und wird global als Screening-Instrument eingesetzt, um Personen mit erhöhtem Risiko für gesundheitliche Probleme zu identifizieren [18].
Klassifikation der Adipositas und deren klinische Relevanz
Die Kategorie Adipositas wird weiter unterteilt, um unterschiedliche Schweregrade und damit verbundene Gesundheitsrisiken besser abzubilden. Die WHO und die CDC unterscheiden zwischen Adipositas Grad I (BMI 30,0–34,9), Adipositas Grad II (BMI 35,0–39,9) und Adipositas Grad III (BMI ≥40,0), die auch als schwere, extreme oder morbide Adipositas bezeichnet wird [1]. Diese Unterteilung ist klinisch relevant, da das Risiko für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten mit steigendem BMI zunimmt [20]. Die U.S. Preventive Services Task Force empfiehlt beispielsweise intensive verhaltensbasierte Interventionen für Erwachsene mit einem BMI von 30 kg/m² oder höher, um das Risiko für chronische Erkrankungen zu senken [21].
Anwendung in der klinischen Praxis und öffentlichen Gesundheit
In der klinischen Praxis wird der BMI als erster Schritt zur Beurteilung des Gewichtsstatus verwendet. Ein erhöhter BMI dient als Indikator, um weitere diagnostische Maßnahmen einzuleiten, wie die Messung des Taillenumfangs, die Beurteilung der Körperzusammensetzung oder die Bestimmung metabolischer Biomarker [22]. In der öffentlichen Gesundheit ermöglicht der BMI die Überwachung von Gewichtsentwicklungen auf Populationsebene. Datenquellen wie die National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) in den USA liefern wichtige Informationen über die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas und unterstützen die Entwicklung von Präventionsprogrammen [23]. Laut CDC-Daten hatte etwa 40,3 % der erwachsenen Bevölkerung in den USA während des Zeitraums August 2021 bis August 2023 Adipositas, was die Bedeutung des BMI als Überwachungsinstrument unterstreicht [24].
Ethnische Anpassungen der BMI-Kategorien
Trotz der globalen Anwendung der standardisierten BMI-Kategorien gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass diese Cut-offs nicht für alle ethnischen Gruppen gleichermaßen geeignet sind. Studien zeigen, dass Personen aus asiatischen, südasiatischen oder arabischen Bevölkerungsgruppen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen [3]. Aus diesem Grund empfehlen Organisationen wie die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) und die Weltgesundheitsorganisation niedrigere BMI-Schwellenwerte für diese Gruppen, beispielsweise ≥23 kg/m² für Übergewicht und ≥27,5 kg/m² für Adipositas, um das Risiko besser abzubilden [26]. Ähnliche Anpassungen werden auch für afrikanisch-karibische und ostasiatische Populationen diskutiert, um gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern [27].
Grenzen der standardisierten Kategorien
Obwohl die standardisierten BMI-Kategorien praktisch und kostengünstig sind, haben sie erhebliche Limitationen. Der BMI berücksichtigt weder die Verteilung des Körperfetts noch die Zusammensetzung des Körpergewebes, was zu Fehlklassifikationen führen kann. So können Athleten mit hohem Muskelanteil fälschlicherweise als übergewichtig oder adipös eingestuft werden, während ältere Menschen mit „normalgewichtigem Adipositas“ – also hohem Körperfett bei normalem BMI – übersehen werden [28]. Zudem variiert die Beziehung zwischen BMI und Körperfett zwischen den Geschlechtern, da Frauen in der Regel bei gleichem BMI einen höheren Körperfettanteil aufweisen als Männer [29]. Diese Unterschiede zeigen, dass der BMI allein kein ausreichendes Maß für die individuelle Gesundheitsbeurteilung ist und durch zusätzliche Parameter ergänzt werden sollte.
Zukunftsperspektiven und multimodale Ansätze
Angesichts der Limitationen der BMI-Kategorien setzen Experten wie die American Medical Association (AMA) auf multimodale Ansätze zur Beurteilung von Adipositas und metabolischen Risiken [4]. Dazu gehören die Kombination von BMI mit dem waist-to-height ratio (WHtR), der Messung der Körperfettverteilung mittels Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA) oder die Integration metabolischer Biomarker. Diese erweiterten Methoden ermöglichen eine genauere Risikostratifizierung und unterstützen eine gerechtere, individualisierte Gesundheitsversorgung, insbesondere in ethnisch vielfältigen Bevölkerungen [31].
Limitationen des BMI bei der Gesundheitsbeurteilung
Der Body Mass Index (BMI) ist ein weit verbreitetes Screening-Instrument zur Einschätzung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße. Trotz seiner praktischen Einfachheit und breiten Anwendung weist der BMI erhebliche Limitationen auf, die seine Genauigkeit und Zuverlässigkeit bei der individuellen Gesundheitsbeurteilung einschränken. Diese Unzulänglichkeiten betreffen insbesondere die Differenzierung von Körperzusammensetzung, die Berücksichtigung von Fettverteilung, ethnische und geschlechtsspezifische Unterschiede sowie die Einbeziehung sozialer und kultureller Faktoren.
Unfähigkeit, Körperfett von Muskelmasse zu unterscheiden
Eine der zentralen Kritiken am BMI ist seine Unfähigkeit, zwischen Fettmasse, Muskelmasse, Knochendichte und Wassergewicht zu unterscheiden. Da der BMI lediglich das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße setzt, klassifiziert er Personen mit hohem Muskelanteil – wie Athleten oder Kraftsportler – oft fälschlicherweise als übergewichtig oder adipös, obwohl sie einen niedrigen Körperfettanteil und eine ausgezeichnete metabolische Gesundheit aufweisen [28]. Umgekehrt können Personen mit normalem BMI einen hohen Körperfettanteil aufweisen, insbesondere viszerales Fett, das das Risiko für chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht [33]. Diese Fehlklassifizierung beeinträchtigt die klinische Aussagekraft des BMI erheblich.
Vernachlässigung der Fettverteilung und des viszeralen Fettgewebes
Der BMI liefert keine Informationen über die Verteilung des Körperfetts, was eine entscheidende Einschränkung darstellt. Abdominales Fett, insbesondere das um innere Organe liegende viszerale Fettgewebe, ist stärker mit Gesundheitsrisiken assoziiert als subkutanes Fett. Studien zeigen, dass der Taillenumfang ein besserer Prädiktor für kardiovaskuläre und metabolische Risiken ist, da er direkt die abdominale Adipositas widerspiegelt [34]. Der BMI allein kann daher Personen mit „normalgewichtigem Adipositas“ übersehen, die trotz eines gesunden BMI ein hohes Krankheitsrisiko aufweisen.
Ethische und rassenspezifische Unterschiede in der Gesundheitsrisikobewertung
Die BMI-Kategorien wurden hauptsächlich auf Grundlage von Daten aus weißen, mittelalterlichen Bevölkerungsgruppen entwickelt und spiegeln daher möglicherweise nicht die Gesundheitsrisiken anderer ethnischer oder rassischer Gruppen wider. Forschungsergebnisse zeigen, dass asiatische Populationen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen, während schwarze und hispanische Personen unterschiedliche Körperzusammensetzungsprofile aufweisen können, die die Korrelation zwischen BMI und Gesundheitsoutcomes beeinflussen [35]. Die alleinige Verwendung des BMI kann daher zu Fehldiagnosen oder verzögerten Behandlungen führen, insbesondere bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe und anderen marginalisierten Gruppen [36].
Unzulänglichkeit bei bestimmten Alters- und Geschlechtergruppen
Die Körperzusammensetzung verändert sich mit Alter, Geschlecht und hormonellem Status – Faktoren, die der BMI nicht berücksichtigt. Ältere Erwachsene können beispielsweise Muskelmasse verlieren und gleichzeitig Fettmasse gewinnen, ohne dass sich das Gewicht verändert. Dies führt zu einem Zustand, der als „normalgewichtiges Adipositas“ bezeichnet wird, bei dem eine Person einen gesunden BMI, aber einen hohen Körperfettanteil hat [37]. Zudem weisen Frauen im Durchschnitt einen höheren Körperfettanteil als Männer bei gleichem BMI auf, was die Genauigkeit des BMI über die Geschlechter hinweg weiter einschränkt [29].
Potenzielle gesundheitliche Ungleichheiten durch übermäßige BMI-Bewertung
Die alleinige Verwendung des BMI als klinisches Maß kann zu gesundheitlichen Ungleichheiten beitragen. Die American Medical Association (AMA) hat anerkannt, dass die ausschließliche Verwendung des BMI zu Fehldiagnosen, verzögerten Behandlungen und Stigmatisierung führen kann, insbesondere bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe und anderen marginalisierten Gruppen [4]. Zudem berücksichtigt der BMI keine metabolische Gesundheit, zu der Faktoren wie Blutdruck, Cholesterin, Insulinsensitivität und Entzündungswerte gehören – allesamt Parameter, die nicht durch den BMI erfasst werden.
Kulturelle und historische Verankerung des BMI
Der BMI ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein kulturelles Konstrukt, das auf westlichen, vorwiegend weißen Körpernormen basiert. Kritiker argumentieren, dass der BMI westliche Schönheitsideale verfestigt und die Wertschätzung größerer Körper in afrikanischen oder polynesischen Gesellschaften ignoriert [5]. Die globale Verbreitung des BMI als Gesundheitsstandard hat zur Erosion lokaler Körperideale beigetragen und tragen zur Stigmatisierung bestimmter Körperformen bei, was wiederum negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und den Zugang zur medizinischen Versorgung hat [41].
Empfehlungen zur Verbesserung der Gesundheitsbeurteilung
Angesichts dieser Limitationen empfehlen Experten, den BMI durch zusätzliche Maße zu ergänzen, um ein genaueres und gerechteres Bild der Gesundheit zu erhalten. Dazu gehören der Taillenumfang, Analysen der Körperzusammensetzung mittels Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA) oder bioelektrischer Impedanzanalyse (BIA), sowie metabolische Biomarker wie HbA1c, Triglyceride oder C-reaktives Protein [4]. Alternativen wie der Body Roundness Index (BRI) oder das waist-to-height ratio (WHtR) werden als genauere Prädiktoren für metabolische Risiken erprobt [6]. Die Integration solcher Maße ermöglicht eine individualisierte und kultursensible Gesundheitsbeurteilung, die über die bloße Gewichtsklassifizierung hinausgeht.
BMI in der öffentlichen Gesundheit und klinischen Praxis
Der Body Mass Index (BMI) spielt eine zentrale Rolle in der öffentlichen Gesundheit und klinischen Praxis als Screening-Tool zur Beurteilung des Körpergewichts und zur Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko für gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Untergewicht, Übergewicht und Adipositas. Aufgrund seiner Einfachheit, Kosteneffizienz und Standardisierung wird er weltweit zur Überwachung von Bevölkerungstrends und zur Unterstützung von Gesundheitsentscheidungen eingesetzt [1]. In der öffentlichen Gesundheit ermöglicht der BMI eine flächendeckende Datenerhebung und Vergleichbarkeit über Zeit, Regionen und Bevölkerungsgruppen hinweg. Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) nutzen BMI-Daten aus Quellen wie der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES), um die Prävalenz von Adipositas zu verfolgen und öffentliche Gesundheitsstrategien zu entwickeln [23]. Laut CDC-Daten lag die Adipositasprävalenz bei Erwachsenen in den USA zwischen August 2021 und August 2023 bei etwa 40,3 % [24]. Solche Daten unterstützen nationale und lokale Initiativen zur Reduzierung von Übergewicht und Adipositas, beispielsweise durch Ernährungsprogramme, Kampagnen zur körperlichen Aktivität und Gesundheitsaufklärung.
Klinische Anwendung und Risikoeinschätzung
In der klinischen Praxis dient der BMI als erster Schritt zur Beurteilung des Gewichtsstatus und zur Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafapnoe [47]. Ein BMI von 30 kg/m² oder höher wird allgemein als Adipositas definiert, wobei weitere Klassifikationen in Klasse I (30,0–34,9), Klasse II (35,0–39,9) und Klasse III (≥40,0, auch als schwere Adipositas bekannt) unterteilt werden [48]. Diese Kategorien helfen medizinischem Personal, Personen mit erhöhtem Gesundheitsrisiko zu identifizieren. Die U.S. Preventive Services Task Force empfiehlt beispielsweise, Kinder mit einem BMI ab dem 95. Perzentil für intensive verhaltensbasierte Interventionen zu überweisen, was die Rolle des BMI bei der frühen klinischen Intervention unterstreicht [49]. Bei Kindern und Jugendlichen wird der BMI hingegen anhand alters- und geschlechtsspezifischer Perzentile bewertet, wobei die CDC die Verwendung von BMI-für-Alter-Perzentilen zur Identifizierung von Gewichtsproblemen bei Personen im Alter von 2 bis 20 Jahren empfiehlt [50].
Grenzen des BMI und Bedarf an ergänzenden Maßen
Trotz seiner weiten Verbreitung gilt der BMI als unvollkommenes Maß. Er berücksichtigt weder die Verteilung des Körperfetts noch den Unterschied zwischen Muskel- und Fettmasse, was zu Fehlklassifikationen führen kann, insbesondere bei Athleten mit hoher Muskelmasse oder bei bestimmten ethnischen Gruppen [4]. Daher empfehlen klinische Leitlinien, den BMI mit anderen Maßen wie dem Taillenumfang zu ergänzen, um metabolisches und kardiovaskuläres Risiko besser beurteilen zu können [22]. Beispielsweise weist ein erhöhter Taillenumfang auf eine erhöhte viszerale Fettansammlung hin, die stärker mit Insulinresistenz und Entzündung assoziiert ist als subkutanes Fett [34]. Die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) betont in ihren aktualisierten Leitlinien (2026) einen multidisziplinären Ansatz zur Adipositasbehandlung und empfiehlt jährliche BMI-Checks, insbesondere für Personen mit chronischen Erkrankungen [54]. Diese Praktiken spiegeln die anhaltende Bedeutung des BMI als praktisches, wenn auch ergänzendes Instrument in der individuellen Patientenversorgung und in der öffentlichen Gesundheitsstrategie wider.
Epidemiologische Evidenz und Variationen des Risikos
Epidemiologische Studien belegen eine nichtlineare (J- oder U-förmige) Beziehung zwischen BMI und der Gesamtmortalität, wobei das geringste Risiko im Bereich des Normalgewichts (ca. 22–25 kg/m²) liegt [55]. Allerdings variiert diese Beziehung je nach Alter, Geschlecht, Ethnie und sozioökonomischem Status. Bei älteren Erwachsenen ist der Zusammenhang zwischen hohem BMI und Mortalität abgeschwächt, was teilweise auf Überlebensvorteile oder körpereigene Energiereserven zurückgeführt wird [56]. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen, dass der optimale BMI-Bereich für die geringste Mortalität bei Frauen leicht höher sein kann als bei Männern [57]. Besonders ausgeprägt sind ethnische Unterschiede: Bevölkerungsgruppen aus Süd- und Ostasien sowie aus dem arabischen Raum weisen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen auf [27]. Infolgedessen empfehlen Organisationen wie die NICE niedrigere BMI-Schwellenwerte (z. B. ≥27,5 kg/m²) für die Einleitung von Diabetespräventionsmaßnahmen bei südasiatischen Bevölkerungsgruppen [26]. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, öffentliche Gesundheitsstrategien an ethnische Unterschiede in Körperzusammensetzung und metabolischem Risiko anzupassen.
Kritik und zukünftige Entwicklungen
Die umfassende Verwendung des BMI in der Gesundheitsüberwachung hat jedoch auch Kritik hervorgerufen, insbesondere hinsichtlich der Verstärkung von Gewichtsstigmatisierung, die dazu führen kann, dass Betroffene ärztliche Hilfe meiden und gesundheitliche Ungleichheiten verschärft werden [60]. Die American Medical Association (AMA) hat anerkannt, dass der BMI allein kein ausreichendes klinisches Maß ist, und rät davon ab, ihn als alleiniges diagnostisches Kriterium zu verwenden [61]. Stattdessen wird eine umfassendere Herangehensweise befürwortet, die zusätzliche Maße wie Taillenumfang, waist-to-height ratio (WHtR) oder direkte Körperzusammensetzungsanalysen integriert, um zentrale Adipositas und metabolisches Risiko besser zu erfassen [62]. Zudem gewinnt ein Paradigmenwechsel an Bedeutung, der sich auf gesundheitsfördernde Verhaltensweisen wie körperliche Aktivität, Ernährung und psychisches Wohlbefinden unabhängig von der Körpergröße konzentriert [63]. Diese Entwicklung zeigt, dass die öffentliche Gesundheitspraxis zunehmend auf komplementäre Metriken und gerechtere Strategien setzt, die über den BMI hinausgehen, um die komplexen, multifaktoriellen Ursachen von Adipositas und deren gesundheitliche Auswirkungen angemessen zu berücksichtigen.
BMI bei Kindern und Jugendlichen: Alters- und geschlechtsspezifische Interpretation
Der Body Mass Index (BMI) wird bei Kindern und Jugendlichen anders interpretiert als bei Erwachsenen, da sich die Körperzusammensetzung während des Wachstums kontinuierlich verändert und zwischen Jungen und Mädchen unterschiedlich entwickelt. Während bei Erwachsenen feste numerische Kategorien wie Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas gelten, wird der BMI bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 2 bis 19 Jahren anhand alters- und geschlechtsspezifischer Perzentile bewertet [64]. Diese Anpassung erfolgt, um die natürlichen Veränderungen in der Körperentwicklung während der Pubertät und des Wachstums korrekt abzubilden.
Die Interpretation des BMI bei Kindern basiert auf Wachstumskurven, die von Organisationen wie den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) entwickelt wurden. Dabei wird der individuelle BMI eines Kindes mit Referenzdaten einer repräsentativen Stichprobe von Kindern desselben Alters und Geschlechts verglichen. Dieser Vergleich führt zu einem Perzentilwert, der angibt, wie der BMI des Kindes im Vergleich zu Gleichaltrigen einzuordnen ist [65].
BMI-Perzentilkategorien bei Kindern und Jugendlichen
Die Gewichtsklassifikation für Kinder und Jugendliche erfolgt anhand folgender Perzentilbereiche:
- Untergewicht: BMI unter dem 5. Perzentil
- Normalgewicht: BMI zwischen dem 5. und unter dem 85. Perzentil
- Übergewicht: BMI zwischen dem 85. und unter dem 95. Perzentil
- Adipositas: BMI im 95. Perzentil oder höher [65]
Diese Kategorien ermöglichen eine altersgerechte Einschätzung des Körpergewichts und helfen, potenzielle Gesundheitsrisiken frühzeitig zu erkennen. Beispielsweise kann ein Kind mit einem BMI im 90. Perzentil als übergewichtig gelten, obwohl dieser Wert bei einem Erwachsenen noch im Normalbereich liegen würde. Die Verwendung von Perzentilen berücksichtigt, dass Kinder in unterschiedlichen Geschwindigkeiten wachsen und dass Fettanteile während der Pubertät geschlechtsspezifisch variieren – Mädchen tendenziell mehr Körperfett aufweisen als Jungen.
Klinische Anwendung und Empfehlungen
In der klinischen Praxis wird der BMI bei Kindern routinemäßig zur Früherkennung von Gewichtsproblemen eingesetzt. Die CDC empfiehlt, den BMI bei Kindern ab dem zweiten Lebensjahr regelmäßig zu erfassen und anhand der BMI-für-Alter-Diagramme einzuordnen [50]. Diese Alters- und Geschlechtsanpassung ist entscheidend, um Fehleinschätzungen zu vermeiden, da ein nicht angepasster BMI bei wachsenden Kindern zu einer Unter- oder Überbewertung des Gesundheitsrisikos führen könnte.
Für Kinder mit einem BMI ab dem 95. Perzentil wird eine intensive Verhaltenstherapie zur Gewichtsreduktion empfohlen, wie von der U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) ausgesprochen [49]. Dies unterstreicht die Bedeutung der alters- und geschlechtsspezifischen Interpretation als Grundlage für gezielte Interventionen.
Grenzen und ergänzende Maßnahmen
Trotz der verbesserten Aussagekraft durch Perzentile hat auch der BMI bei Kindern Limitationen. Er berücksichtigt weder die Verteilung des Körperfetts noch die Zusammensetzung aus Muskel- und Fettmasse. Ein sportlich aktives Kind mit hohem Muskelanteil könnte fälschlicherweise als übergewichtig klassifiziert werden, während ein Kind mit normalem BMI aber hohem viszeralem Fett („normalgewichtige Adipositas“) übersehen werden könnte. Um diese Lücke zu schließen, wird in klinischen Leitlinien empfohlen, den BMI durch zusätzliche Maße wie den Taillenumfang zu ergänzen, der ein besserer Indikator für metabolisches Risiko ist [22].
Zudem zeigen Studien, dass ethnische Unterschiede die Interpretation beeinflussen können. Beispielsweise haben Kinder aus asiatischen Bevölkerungsgruppen tendenziell bei niedrigeren BMI-Werten bereits ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, was auf eine Anpassung der Perzentilgrenzen hinweisen könnte [3]. Auch hier ist eine ganzheitliche Beurteilung unter Einbeziehung von Familienanamnese, Ernährung und körperliche Aktivität notwendig.
Internationale Anpassungen und Entwicklungen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eigene Wachstumskurven für Kinder unter fünf Jahren entwickelt, die global anwendbar sind und auf gesund ernährten, optimal wachsenden Kindern basieren [71]. Für ältere Kinder und Jugendliche werden oft die CDC-Kurven verwendet, jedoch gibt es Bestrebungen, kulturell und ethnisch differenzierte Referenzwerte zu etablieren, um die Gerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung zu verbessern. Die Integration von alternativen Maßen wie dem Body Roundness Index (BRI) oder dem waist-to-height ratio (WHtR) wird zunehmend diskutiert, um die Vorhersagekraft für kardiovaskuläre Risiken bei Kindern zu erhöhen [72].
Insgesamt bleibt der BMI ein wichtiges Screening-Instrument in der pädiatrischen Versorgung, dessen Interpretation jedoch stets alters- und geschlechtsspezifisch sowie im Kontext weiterer klinischer und metabolischer Parameter erfolgen sollte. Eine differenzierte Herangehensweise trägt dazu bei, sowohl Überdiagnosen als auch gefährliche Unterdiagnosen zu vermeiden und eine kindgerechte, präventive Gesundheitsförderung zu gewährleisten.
Ethnische, geschlechtsspezifische und altersbedingte Unterschiede
Der Body Mass Index (BMI) wird weltweit als Screening-Tool zur Einschätzung des Körpergewichts verwendet, seine Gültigkeit als Maß für Körperfett und gesundheitliche Risiken variiert jedoch erheblich je nach ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht und Alter. Diese Unterschiede resultieren aus biologischen, metabolischen und kulturellen Faktoren, die die Beziehung zwischen BMI und Körperfett sowie Krankheitsrisiko beeinflussen. Eine pauschale Anwendung der standardisierten BMI-Kategorien kann daher zu Fehlklassifikationen führen und gesundheitliche Ungleichheiten verstärken.
Ethische Unterschiede und angepasste BMI-Schwellenwerte
Die gängigen BMI-Schwellenwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurden hauptsächlich auf der Grundlage von Daten aus weißen, mittelalterlichen Bevölkerungsgruppen entwickelt. Diese universellen Kategorien sind jedoch für viele ethnische Gruppen unzureichend. Beispielsweise weisen asiatische Bevölkerungsgruppen – einschließlich süd- und ostasiatischer sowie arabischer Gruppen – bei niedrigeren BMI-Werten ein höheres Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Studien zeigen, dass bei Südasiaten bereits ab einem BMI von 23,9 kg/m² ein Risiko für Typ-2-Diabetes besteht, das bei Weißen erst bei einem BMI von 30 kg/m² erreicht wird [3]. Infolgedessen empfehlen Organisationen wie die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) niedrigere Schwellenwerte für diese Gruppen, z. B. einen BMI von ≥27,5 kg/m² als Schwelle für die Einleitung von Diabetespräventionsmaßnahmen [26].
Umgekehrt kann der BMI bei einigen Bevölkerungsgruppen, wie etwa bei afrikanischen oder afroamerikanischen Frauen, das Risiko überschätzen. Diese Gruppen weisen oft eine höhere Muskelmasse und Knochendichte auf, was zu einem höheren BMI führt, ohne dass ein entsprechend hohes Körperfett vorliegt. Dies kann zu einer Überdiagnose von Adipositas und unangemessenen medizinischen Interventionen führen [75]. Die American Medical Association (AMA) hat diese Ungleichheiten anerkannt und betont, dass der BMI allein kein zuverlässiges klinisches Maß ist, besonders bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe [4].
Geschlechtsspezifische Unterschiede in Körperzusammensetzung und Risikoprofil
Auch zwischen den Geschlechtern bestehen signifikante Unterschiede in der Beziehung zwischen BMI und Gesundheitsrisiko. Frauen haben biologisch bedingt einen höheren Körperfettanteil als Männer bei gleichem BMI, was die Genauigkeit der BMI-Kategorien beeinträchtigt. Männer neigen hingegen zu einer zentralen Fettverteilung – also einem höheren viszeralen Fettgewebe im Bauchraum –, das stärker mit Insulinresistenz, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist. Frauen speichern Fett dagegen eher im Gesäß- und Oberschenkelbereich (gluteofemoral), was metabolisch weniger riskant ist [77].
Zudem verändert sich das Risikoprofil mit hormonellen Veränderungen: Nach der Menopause verschiebt sich die Fettverteilung bei Frauen zunehmend in Richtung Bauch, was ihr metabolisches Risiko an das von Männern annähert. Dies bedeutet, dass der gleiche BMI bei einer postmenopausalen Frau ein höheres Krankheitsrisiko darstellt als bei einer jüngeren Frau [78]. Die Verwendung einheitlicher BMI-Schwellenwerte ignoriert diese biologischen Unterschiede und kann zu einer Unterbewertung des Risikos bei Frauen in bestimmten Lebensphasen führen.
Altersbedingte Veränderungen und das Phänomen der „normalgewichtigen Adipositas“
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Körperzusammensetzung erheblich, was die Interpretation des BMI weiter erschwert. Ältere Erwachsene erleben oft einen Verlust an Muskelmasse (Sarkopenie) und eine Zunahme an Körperfett, insbesondere an viszeralem Fett, während ihr Körpergewicht stabil bleibt. Dies führt zum Phänomen der „normalgewichtigen Adipositas“ (normal-weight obesity), bei dem Personen mit einem BMI im Normalbereich (18,5–24,9 kg/m²) einen hohen Körperfettanteil und damit ein erhöhtes Risiko für metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Erkrankungen aufweisen [37].
Studien zeigen, dass der BMI bei älteren Erwachsenen eine geringe Sensitivität bei der Erkennung von Adipositas hat, definiert durch Körperfettmessungen mittels Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA). In einer Analyse von NHANES-Daten wurde beispielsweise festgestellt, dass der BMI ≥30 nur bei 56 % der Männer und 62 % der Frauen als zuverlässig für die Diagnose von Adipositas gilt [80]. Dies bedeutet, dass viele ältere Menschen mit hohem Krankheitsrisiko aufgrund ihres „normalen“ BMI übersehen werden. Umgekehrt kann der sogenannte „Adipositas-Paradox“ beobachtet werden, bei dem übergewichtige oder leicht adipöse ältere Erwachsene ein niedrigeres Sterblichkeitsrisiko aufweisen als normalgewichtige Personen, möglicherweise aufgrund eines schützenden Fettreservoirs während Krankheiten [56].
Empfehlungen für eine differenzierte Gesundheitsbeurteilung
Angesichts dieser Unterschiede empfehlen Experten, den BMI nicht isoliert zu verwenden, sondern durch zusätzliche Maße zu ergänzen. Die Messung des Taillenumfangs gilt als „Vitalzeichen“ für viszerales Fett und sollte routinemäßig in der klinischen Praxis durchgeführt werden. Ein Taillenumfang von mehr als 80 cm bei Frauen und 94 cm bei Männern (bei niedrigeren Werten für asiatische Bevölkerungsgruppen) weist auf ein erhöhtes Risiko hin [82]. Der waist-to-height ratio (WHtR), insbesondere ein Wert von ≥0,5, zeigt sich in Studien als überlegener Prädiktor für metabolisches Syndrom im Vergleich zum BMI [83].
Für eine präzisere Beurteilung, insbesondere bei Risikopatienten, Athleten oder älteren Erwachsenen, sind Methoden zur direkten Körperzusammensetzungsanalyse wie DXA, Bioelectrical Impedance Analysis (BIA) oder bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) sinnvoll [84]. Diese Ansätze ermöglichen eine individualisierte Risikobewertung, die kulturelle, biologische und altersbedingte Unterschiede berücksichtigt und zu gerechteren und effektiveren Gesundheitsinterventionen führt.
Epidemiologische Zusammenhänge zwischen BMI und Morbidität
Der Body Mass Index (BMI) zeigt einen klaren, nichtlinearen Zusammenhang mit der Morbidität und Mortalität, wobei das geringste Risiko im Bereich des Normalgewichts liegt. Eine systematische Übersichtsarbeit und Dosis-Wirkungs-Metaanalyse mit über 30 Millionen Teilnehmern aus 230 Kohortenstudien ergab, dass das Risiko für die Gesamtmortalität am niedrigsten bei einem BMI von etwa 22–25 kg/m² ist und sowohl bei niedrigeren als auch bei höheren Werten steigt [55]. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Einzelpersonen-Daten-Metaanalyse von 239 prospektiven Studien, die den niedrigsten Mortalitätsrisikobereich bei einem BMI von 23–25 kg/m² identifizierte [86]. Diese Befunde bestätigen, dass sowohl Untergewicht (BMI <18,5 kg/m²) als auch Adipositas (BMI ≥30 kg/m²) mit erhöhter Gesamtmortalität assoziiert sind. Der erhöhte Mortalitätsrisiko bei hohem BMI wird vor allem durch ein gesteigertes Risiko für nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten verursacht [87].
Variationen nach Alter
Der Zusammenhang zwischen BMI und Mortalität variiert erheblich mit dem Alter. Bei älteren Erwachsenen (typischerweise ab 65 Jahren) ist der Zusammenhang zwischen hohem BMI und Mortalität abgeschwächt, und in einigen Studien weisen übergewichtige Personen ein niedrigeres Sterberisiko auf als Personen mit Normalgewicht – ein Phänomen, das als „Adipositas-Paradox“ bezeichnet wird [56]. Eine Metaanalyse bei älteren Erwachsenen zeigte, dass Untergewicht (BMI <21 kg/m²) konsistent mit erhöhter Mortalität assoziiert ist, während die Risiken für Übergewicht und leichte Adipositas weniger ausgeprägt oder sogar neutral sind [89]. Dies könnte auf Unterschiede in der Körperzusammensetzung, Überlebensbias oder die schützende Rolle von Fettreserven während Krankheiten in alternden Populationen zurückzuführen sein [90]. Dennoch bedeutet dies nicht, dass ein hoher BMI schützend wirkt. Längsschnittstudien deuten darauf hin, dass Gewichtszunahme im mittleren Lebensalter die spätere Mortalität erhöht, während Gewichtsverlust im späteren Lebensalter häufig auf zugrundeliegende Erkrankungen zurückzuführen ist.
Variationen nach Geschlecht
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Zusammenhang zwischen BMI und Mortalität wurden beobachtet, obwohl die Befunde nicht durchgängig sind. Einige große Analysen legen nahe, dass der optimale BMI-Bereich für die niedrigste Mortalität bei Frauen leicht höher sein könnte als bei Männern. Die Prospective Studies Collaboration fand beispielsweise heraus, dass der BMI mit der geringsten Mortalität bei Männern bei etwa 22,5–25 kg/m² und bei Frauen bei 23–26 kg/m² liegt [57]. Zudem ist Adipositas bei Frauen in vielen Populationen, insbesondere im mittleren Alter (40–59 Jahre), häufiger verbreitet als bei Männern, was zu geschlechtsspezifischen Morbiditätsmustern beitragen kann [92]. Jüngste Daten deuten darauf hin, dass der Anstieg der adipositasbedingten Mortalität in bestimmten Kontexten bei Männern stärker ausgeprägt sein könnte, möglicherweise aufgrund von Unterschieden in der Fettverteilung, dem metabolischen Gesundheitszustand oder der Inanspruchnahme medizinischer Versorgung [93].
Variationen nach Ethnie
Die Ethnie beeinflusst den Zusammenhang zwischen BMI und Gesundheitsrisiken erheblich. Die Standard-BMI-Grenzwerte, die hauptsächlich aus Studien an weißen Populationen abgeleitet wurden, erfassen das Risiko bei anderen ethnischen Gruppen möglicherweise nicht angemessen. Belege zeigen, dass südasiatische, ostasiatische, karibisch-schwarze und arabische Populationen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen [27]. Südasiaten beispielsweise weisen bei niedrigerem BMI eine höhere Insulinresistenz und mehr viszerales Fett auf, was dazu führt, dass öffentliche Gesundheitsbehörden wie der britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) niedrigere BMI-Schwellenwerte (≥27,5 kg/m²) zur Initiierung von Diabetespräventionsprogrammen für diese Gruppe empfehlen [26]. Studien in England schlagen ethniespezifische BMI-Grenzwerte für Adipositas basierend auf dem Risiko für Typ-2-Diabetes vor, wobei chinesische und schwarzafrikanische Populationen bereits bei BMI-Werten von 24–28 kg/m² ein erhöhtes Risiko zeigen [3]. Diese Befunde unterstreichen die Notwendigkeit maßgeschneiderter Richtlinien zur öffentlichen Gesundheit, die ethnische Unterschiede in der Körperzusammensetzung und dem metabolischen Risiko berücksichtigen.
Variationen nach sozioökonomischem Status
Der sozioökonomische Status (SES) ist ein zentraler Determinant für BMI und die damit verbundenen gesundheitlichen Ergebnisse. In hochindustrialisierten Ländern ist ein niedrigerer SES – gemessen an Bildung, Einkommen oder Wohngebietsdeprivation – konsistent mit höherem BMI und erhöhter Adipositasprävalenz assoziiert [97]. Dieser inverse soziale Gradient ist besonders bei Frauen ausgeprägt und verschärft sich mit zunehmendem Alter [98]. Längsschnittanalysen britischer Geburtskohorten zeigen, dass sozioökonomische Ungleichheiten im BMI bereits im frühen Erwachsenenalter auftreten und im Laufe der Zeit bestehen bleiben oder sich verschärfen [99]. Die zugrundeliegenden Mechanismen umfassen unterschiedlichen Zugang zu gesunden Lebensmitteln, sicheren Räumen für körperliche Aktivität, medizinischer Versorgung und Exposition gegenüber obesogenen Umgebungen. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Stärke der Beziehung zwischen SES und BMI sich im Laufe der Zeit verändert hat, wobei die soziale Stellung in den letzten Jahrzehnten zu einem stärkeren Prädiktor für BMI geworden ist, was die Rolle struktureller und umweltbedingter Faktoren bei der Gestaltung des Adipositasrisikos hervorhebt [100].
Alternative und ergänzende Maße zur Körperzusammensetzung
Der Body Mass Index (BMI) ist aufgrund seiner Einfachheit und Standardisierung ein weit verbreitetes Screening-Instrument zur Beurteilung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße. Allerdings berücksichtigt der BMI weder die Zusammensetzung des Körpers noch die Verteilung des Körperfetts, was zu Fehlklassifikationen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen führen kann. Um eine genauere Einschätzung des Gesundheitsrisikos zu ermöglichen, werden zunehmend alternative und ergänzende Maße zur Körperzusammensetzung eingesetzt, die über die bloße Gewichts- und Größenrelation hinausgehen.
Anthropometrische Alternativen zum BMI
Eine der am häufigsten verwendeten Ergänzungen zum BMI ist die Taillenumfang-Messung, die direkt die abdominale Fettansammlung erfasst. Da viszerales Fett – das Fett um die inneren Organe – mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und metabolisches Syndrom assoziiert ist, ist der Taillenumfang ein stärkerer Prädiktor für kardiovaskuläre Risiken als der BMI allein [34]. Die International Atherosclerosis Society empfiehlt, den Taillenumfang als „Vitalzeichen“ in die klinische Routine aufzunehmen [102].
Ein weiteres wichtiges Maß ist das waist-to-height ratio (WHtR), das als überlegen gegenüber dem BMI gilt, insbesondere bei der Identifikation metabolisch risikobehafteter Personen mit normalem BMI. Ein WHtR von ≥0,5 wird als Schwellenwert für erhöhtes Gesundheitsrisiko angesehen und gilt als universeller Indikator, der über verschiedene ethnische Gruppen hinweg anwendbar ist [72]. Studien zeigen, dass das WHtR eine bessere Diskriminationsfähigkeit für Diabetes mellitus und metabolisches Syndrom aufweist als der BMI [104].
Ein neu entwickelter Ansatz ist der Body Roundness Index (BRI), der die Körperform mithilfe von Taillenumfang und Körpergröße geometrisch modelliert. Der BRI bietet eine verbesserte Vorhersage des viszeralen Fettgewebes und des metabolischen Risikos im Vergleich zum BMI [105]. Da er die Körperkontur berücksichtigt, kann er Personen mit normalgewichtigem Adipositas besser identifizieren.
Körperzusammensetzungsmessung durch technische Verfahren
Zur präzisen Bestimmung der Körperzusammensetzung kommen verschiedene technische Verfahren zum Einsatz, die zwischen Fettmasse, Muskelmasse und Knochenmineraldichte differenzieren können. Die Dual-Energy X-ray Absorptiometry (DXA) gilt als Goldstandard in der Forschung und spezialisierten klinischen Praxis. DXA ermöglicht eine regionale Analyse der Fett- und Muskelverteilung, einschließlich der Abschätzung des viszeralen Fettgewebes mit spezieller Software [106]. Studien zeigen, dass DXA häufig eine höhere Prävalenz von Adipositas identifiziert als der BMI allein, was auf dessen begrenzte Sensitivität hinweist [107].
Ein weiteres Verfahren ist die Bioelectrical Impedance Analysis (BIA), die den elektrischen Widerstand des Körpers misst, um die Körperzusammensetzung zu schätzen. Obwohl BIA kostengünstig und nicht-invasiv ist, kann ihre Genauigkeit durch Hydratationszustand und andere Faktoren beeinträchtigt werden [108]. Dennoch bietet moderne BIA-Technologie akzeptable Schätzungen in klinischen und Forschungskontexten.
Für die direkte Quantifizierung des viszeralen Fettgewebes werden bildgebende Verfahren wie Computed Tomography (CT) und Magnetic Resonance Imaging (MRI) eingesetzt. Diese Methoden gelten als die genauesten zur Messung des viszeralen Fettvolumens und sind entscheidend für Forschung und Hochrisikopatienten, obwohl sie aufgrund von Kosten, Strahlenbelastung (bei CT) und begrenzter Verfügbarkeit nicht für die Routineanwendung geeignet sind [109].
Metabolische und biomarkerbasierte Ansätze
Neben physischen Maßen gewinnen metabolische Indikatoren zunehmend an Bedeutung, da sie den funktionellen Gesundheitszustand unabhängig vom Körpergewicht erfassen. Blutwerte wie Blutdruck, Blutzucker, Triglyceride, HDL-Cholesterin und Hämoglobin A1c (HbA1c) sind entscheidende Komponenten der metabolischen Gesundheit. Eine Person kann trotz eines normalen BMI metabolisch ungesund sein, wenn diese Parameter ungünstig sind – ein Zustand, der als „metabolisch ungesunde Normalgewichtigkeit“ (MONW) bezeichnet wird [110].
Ein innovativer Ansatz ist der sogenannte „biologische BMI“ (bBMI), ein aus metabolomischen Profilen abgeleiteter Biomarker-Score, der metabolische Dysregulationen erfasst, die der traditionelle BMI übersehen kann. Der bBMI kann versteckte Gesundheitsrisiken aufdecken und ist empfindlicher gegenüber Lebensstilinterventionen, was ihn zu einem vielversprechenden Werkzeug für die personalisierte Risikobewertung macht [111]. Weitere Forschung konzentriert sich auf zirkulierende Marker wie Adipokine, inflammatory cytokines und Lipidmetaboliten, die direktere Einblicke in die Funktion des Fettgewebes und das Krankheitsrisiko bieten [112].
Klinische und epidemiologische Empfehlungen
Angesichts der Limitationen des BMI empfehlen Experten wie die American Medical Association (AMA), den BMI nicht isoliert zur Diagnose von Adipositas oder zur Beurteilung des Gesundheitszustands heranzuziehen [4]. Stattdessen sollte eine multimodale Herangehensweise verfolgt werden, die den BMI mit Taillenumfang, Körperzusammensetzungsmessungen und metabolischen Biomarkern kombiniert. Die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) befürwortet beispielsweise die gleichzeitige Erfassung von BMI und WHtR bei Erwachsenen, um die Risikobewertung zu verbessern [114].
In der epidemiologischen Forschung wird zunehmend die Verwendung des BMI als kontinuierliche Variable gegenüber der kategorialen Einteilung bevorzugt, da letztere zu Informationsverlust und verzerrten Effektschätzungen führen kann [115]. Zudem werden ethniespezifische BMI-Schwellenwerte diskutiert, um die unterschiedlichen Risikoprofile verschiedener Bevölkerungsgruppen besser abzubilden. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) niedrigere Schwellenwerte für asiatische Populationen, da diese bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen aufweisen [3].
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der BMI als Screening-Instrument auf Populationsebene weiterhin von Bedeutung ist, jedoch in der individuellen Gesundheitsbeurteilung durch präzisere Maße ergänzt oder ersetzt werden sollte. Die Integration von anthropometrischen, körperzusammensetzungsbasierten und metabolischen Parametern ermöglicht eine differenziertere und gerechtere Risikobewertung, die den komplexen, multifaktoriellen Charakter von Adipositas und ihren gesundheitlichen Auswirkungen besser widerspiegelt.
Kulturelle und historische Kritik am BMI
Der Body Mass Index (BMI) wird seit seiner Etablierung als globales Gesundheitsmaßstab zunehmend aus kultureller und historischer Perspektive kritisch hinterfragt. Kritiker argumentieren, dass der BMI nicht nur ein medizinisches Instrument, sondern auch ein soziales und politisches Konstrukt ist, das westliche, rassifizierte und geschlechtsbezogene Normen verfestigt. Seine weit verbreitete Anwendung ignoriert kulturelle Vielfalt und reproduziert Ungleichheiten, insbesondere gegenüber ethnischen Minderheiten, Frauen und indigenen Bevölkerungsgruppen.
Historische Wurzeln und westliche Dominanz
Der BMI geht auf den belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet zurück, der in den 1830er Jahren den „Quetelet-Index“ entwickelte, um den „durchschnittlichen Mann“ (l'homme moyen) statistisch zu definieren [7]. Dieses Konzept war Teil der „sozialen Physik“, einer Disziplin, die menschliche Variationen durch mathematische Normen zu erfassen suchte [10]. Der Index diente ursprünglich nicht der medizinischen Diagnostik, sondern der Bevölkerungsbeschreibung und wurde erst im 20. Jahrhundert medizinisiert. Die Popularisierung des BMI durch den amerikanischen Physiologen Ancel Keys in den 1970er Jahren und die Standardisierung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1997 erfolgten anhand von Daten, die hauptsächlich aus weißen, männlichen und mittelständischen Bevölkerungsgruppen in den USA und Europa stammten [11]. Diese historische Verankerung in westlichen Normen hat dazu geführt, dass der BMI als universelles Maß für Gesundheit propagiert wurde, ohne kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen.
Rassifizierung und koloniale Gesundheitsmuster
Ein zentrales kritisches Argument ist, dass der BMI rassistische und koloniale Hierarchien reproduziert. Die Normierung des Körpers anhand weißer Körperideale führt dazu, dass größere Körper in afrikanischen, karibischen und polynesischen Gesellschaften pathologisiert werden, obwohl sie dort traditionell mit Fruchtbarkeit, Wohlstand und sozialem Status assoziiert sind [120]. Sabrina Strings argumentiert, dass der BMI „die weiße Körperlichkeit fetischisiert“ und Fettleibigkeit rassistisch aufgeladen darstellt, indem sie mit mangelnder Selbstdisziplin und moralischem Versagen verknüpft wird [5]. Diese Perspektive zeigt, wie wissenschaftliche Maßstäbe als Instrumente der Macht fungieren können, um bestimmte Körper als „abnorm“ oder „krank“ zu definieren.
Die globale Verbreitung des BMI als Gesundheitsstandard ist Ausdruck eines medizinischen Kolonialismus, bei dem westliche Gesundheitsmetriken ohne Anpassung an lokale Kontexte exportiert werden [14]. Dies marginalisiert indigene Körperideale und Gesundheitspraktiken und führt zu einer Neokolonialisierung globaler Gesundheitsprogramme. Beispielsweise wird in vielen afrikanischen Ländern das Ideal eines vollschlankeren Körpers weiterhin positiv bewertet, während westliche Medien und öffentliche Gesundheitskampagnen zunehmend Dünnheit als gesund und modern vermarkten [123].
Kulturelle Vielfalt in Körperidealen
In vielen nicht-westlichen Gesellschaften werden größere Körpergrößen nicht stigmatisiert, sondern geschätzt. Bei den Yorùbá in Nigeria hat die Körpergröße eine neutrale Bedeutung und ist nicht mit sozialem Status oder Moral verknüpft [124]. In Ghana wird ein „nicht zu dürr, aber nicht zu dick“ idealisiert, was auf Gesundheit und Wohlstand hinweist [125]. In Polynesien wird Gesundheit ganzheitlich verstanden, wobei physische, emotionale, geistige und spirituelle Dimensionen wie im hawaiianischen Konzept des Lokahi miteinander verbunden sind [126]. Für Māori spielt kulturelle Wirksamkeit – das Gefühl der Zugehörigkeit und des Stolzes auf die eigene Identität – eine entscheidende Rolle für das Körperbild und kann sogar gegen negative Körperwahrnehmung schützen [127].
Stigmatisierung und gesundheitliche Ungleichheit
Die Verwendung des BMI trägt zur Stigmatisierung von Körpern bei, insbesondere in medizinischen Kontexten. Menschen mit hohem BMI, besonders Frauen aus ethnischen Minderheiten, berichten häufig von diskriminierenden Erfahrungen im Gesundheitswesen, wie abwertenden Haltungen, verzögerten Diagnosen und unzureichender Behandlung [128]. Diese Gewichtsstigmatisierung wirkt sich direkt negativ auf die Gesundheit aus, unabhängig von physiologischen Faktoren [129]. In den USA beispielsweise haben afroamerikanische Frauen die höchste Prävalenz von Fettleibigkeit, doch Forschung zeigt, dass BMI bei ihnen die Gesundheitsrisiken oft überschätzt, da sie tendenziell mehr Muskelmasse und Knochendichte aufweisen [75]. Dennoch wird ihr Körper oft durch ein defizitäres, rassistisch aufgeladenes Raster betrachtet, das kulturelle Kontexte ignoriert.
Alternative Ansätze und kultursensible Gesundheitsbewertung
Angesichts dieser Kritik wird zunehmend die Notwendigkeit betont, kultursensible und ganzheitliche Ansätze zur Gesundheitsbewertung zu entwickeln. Einige Institutionen empfehlen bereits ethniespezifische BMI-Schwellenwerte, da beispielsweise südasiatische und ostasiatische Bevölkerungen bereits bei niedrigeren BMI-Werten ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes haben [3]. Die National Institute for Health and Care Excellence (NICE) im Vereinigten Königreich hat niedrigere BMI-Schwellenwerte für asiatische Bevölkerungsgruppen empfohlen, um das Diabetesrisiko besser abzubilden [26].
Alternativen zum BMI, wie der Body Roundness Index (BRI) oder das waist-to-height ratio (WHtR), werden als genauere Prädiktoren für metabolische Risiken erprobt [6]. Gleichzeitig fordern Anthropologen und Gesundheitsforscher die Integration kultureller Indikatoren – wie Sprachgebrauch, Verbundenheit mit dem Land oder Teilnahme an traditionellen Praktiken – in umfassendere Wohlbefindensrahmen [134]. Solche Ansätze priorisieren relationale und spirituelle Gesundheit und stellen die Reduktion des BMI auf ein einzelnes Maß infrage.
Die globale Verbreitung des BMI hat somit nicht nur medizinische, sondern auch tiefgreifende soziale und kulturelle Konsequenzen. Seine Verwendung verstärkt oft bestehende Ungleichheiten und untergräbt lokale Körperideale. Eine gerechtere Gesundheitspraxis erfordert daher die Anerkennung kultureller Vielfalt, die Entwicklung indigener Biometrie und den Übergang zu ganzheitlichen, anti-stigmatisierenden Modellen der Gesundheitsbewertung [135].