Immunosuppression bezeichnet die gezielte oder pathologische Unterdrückung der Aktivität des Immunsystems, wodurch die Fähigkeit des Körpers, Infektionen durch Bakterien, Viren und Pilze sowie bösartige Zellen zu erkennen und zu bekämpfen, erheblich eingeschränkt wird [1]. Diese Zustandsänderung kann durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden, darunter HIV/AIDS, Krebs, Autoimmunerkrankungen oder medizinische Behandlungen wie Chemotherapie und Bestrahlungstherapie. Insbesondere bei Organtransplantationen wird eine kontrollierte Immunsuppression durch Medikamente wie Corticosteroide, Calcineurin-Inhibitoren (z. B. Cyclosporin und Tacrolimus) oder mTOR-Inhibitoren (z. B. Sirolimus) herbeigeführt, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern [2]. Auch bei Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes oder entzündliche Darmerkrankung kommen Immunsuppressiva zum Einsatz, um eine überaktive Immunantwort zu dämpfen [3]. Obwohl lebensrettend, ist die Immunsuppression mit erheblichen Risiken verbunden, darunter erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, ein höheres Krebsrisiko (z. B. posttransplantatives lymphoproliferatives Syndrom), Stoffwechselstörungen und Nephrotoxizität. Die Therapie erfordert daher eine sorgfältige Abwägung zwischen Wirksamkeit und Nebenwirkungen, unterstützt durch Therapeutisches Drug Monitoring, Impfempfehlungen und engmaschige klinische Überwachung [4].
Ursachen und Formen der Immunsuppression
Die Immunosuppression kann durch eine Vielzahl von Ursachen hervorgerufen werden, die sich in pathologische, therapeutische und physiologische Formen unterteilen lassen. Jede dieser Formen beeinträchtigt die Fähigkeit des Immunsystems, auf Pathogene und bösartige Zellen zu reagieren, jedoch mit unterschiedlichen Mechanismen und klinischen Konsequenzen.
Pathologische Ursachen der Immunosuppression
Zu den wichtigsten krankhaften Ursachen der Immunosuppression gehören infektiöse Erkrankungen, maligne Neubildungen, Autoimmunerkrankungen und angeborene Immundefekte. Das bekannteste Beispiel ist die durch das Human Immunodeficiency Virus (HIV) verursachte Immunsuppression, die sich durch die selektive Zerstörung von CD4+ T-Zellen auszeichnet. Diese Zellen sind zentral für die Koordination der adaptiven Immunantwort, und ihr fortschreitender Verlust führt zur Entwicklung des Acquired Immunodeficiency Syndrome (AIDS), einem Zustand schwerer Immundefizienz mit erhöhter Anfälligkeit für opportunistische Infektionen und Tumoren [5].
Auch verschiedene Krebserkrankungen, insbesondere solche des hämatopoetischen Systems wie Leukämien und Lymphome, können das Immunsystem schädigen. Diese malignen Erkrankungen verdrängen gesunde Blutzellen im Knochenmark und stören die normale Produktion von Immunzellen, was zu einer verminderten Immunüberwachung führt [6]. Angeborene Immundefekte wie die Severe Combined Immunodeficiency (SCID) oder die Common Variable Immunodeficiency (CVID) resultieren aus genetischen Defekten, die die Entwicklung oder Funktion des Immunsystems beeinträchtigen, und führen bereits im Kindesalter zu schweren, wiederkehrenden Infektionen [7].
Therapeutische Immunosuppression
Die gezielte Immunsuppression ist ein medizinisches Standardverfahren in bestimmten klinischen Kontexten. In der Organtransplantation wird eine kontrollierte Immunsuppression durch Medikamente wie Corticosteroide, Calcineurin-Inhibitoren (z. B. Cyclosporin und Tacrolimus) oder mTOR-Inhibitoren (z. B. Sirolimus) herbeigeführt, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern [2]. Die Therapie folgt einem dreistufigen Ansatz: Eine intensive Induktionsphase direkt um die Transplantation herum wird gefolgt von einer lebenslangen Erhaltungstherapie und gegebenenfalls einer Abstoßungstherapie bei akuten Rejektionen [9].
Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes oder entzündliche Darmerkrankung. Hier zielt die Immunsuppression darauf ab, eine überaktive Immunantwort gegen körpereigenes Gewebe zu dämpfen. Eingesetzte Medikamente umfassen Corticosteroide, Antimetabolite wie Azathioprin oder Mycophenolatmofetil, sowie zytotoxische Arzneimittel wie Cyclophosphamid [10]. Auch Biologika, monoklonale Antikörper, die spezifische Immunzellen oder Zytokine angreifen, spielen eine zunehmend wichtige Rolle [11].
Weitere Ursachen und Formen
Neben diesen Hauptkategorien tragen auch andere Faktoren zur Immunsuppression bei. Chronische Erkrankungen wie Diabetes, chronische Nierenerkrankung, Leberzirrhose und Mangelernährung sind mit einer geschwächten Immunantwort assoziiert, da sie metabolische Wege stören und die Funktion von Immunzellen beeinträchtigen [12]. Die Immunoseneszenz, der altersbedingte Funktionsverlust des Immunsystems, erhöht das Infektionsrisiko und verringert die Wirksamkeit von Impfungen bei älteren Menschen [13]. Langfristige Mangelernährung, insbesondere Mängel an Proteinen, Vitaminen (z. B. Vitamin A, C, D) und Mineralstoffen wie Zink, beeinträchtigt ebenfalls die Funktion von Immunzellen und die Antikörperproduktion [13].
Physiologische Immunsuppression: Immunologische Toleranz
Im Gegensatz zur pathologischen oder therapeutischen Immunsuppression handelt es sich bei der physiologischen Immunsuppression um ein natürliches, lebensnotwendiges Phänomen, das als Immunologische Toleranz bezeichnet wird. Diese endogene Mechanismen verhindern, dass das Immunsystem gegen körpereigene Antigene (Selbstantigene) oder harmlose Umweltantigene angreift. Die Toleranz wird durch zentrale und periphere Mechanismen aufrechterhalten. In der Thymus-Drüse werden autoreaktive T-Zellen während ihrer Entwicklung (zentrale Toleranz) durch Apoptose eliminiert. Periphere Toleranzmechanismen, wie Anergie (Funktionsunfähigkeit), regulatorische T-Zellen (Tregs) und Immune-Checkpoint-Proteine wie CTLA-4 und PD-1, kontrollieren autoreaktive Zellen, die der zentralen Deletion entkommen sind [15]. Diese fein abgestimmten Systeme sind entscheidend für die Aufrechterhaltung der Immunhomöostase und die Verhinderung von Autoimmunerkrankungen.
Medikamentöse Immunsuppressiva und ihre Wirkmechanismen
Die pharmakologische Immunsuppression zielt darauf ab, gezielt bestimmte Komponenten des Immunsystems zu hemmen, um unerwünschte Immunreaktionen wie Transplantatabstoßung oder Autoimmunangriffe zu verhindern. Die Wirkmechanismen der verschiedenen Immunsuppressiva unterscheiden sich erheblich, da sie unterschiedliche Stadien der T-Zell-Aktivierung, Proliferation und Immunsignalübertragung beeinflussen. Zu den wichtigsten Wirkstoffklassen gehören Calcineurin-Inhibitoren, mTOR-Inhibitoren, antiproliferative Agenzien und Biologika, die jeweils spezifische molekulare Ziele innerhalb der Immunzellen angreifen [16].
Calcineurin-Inhibitoren: Hemmung der frühen T-Zell-Aktivierung
Calcineurin-Inhibitoren wie Cyclosporin und Tacrolimus blockieren die frühe Phase der T-Zell-Aktivierung, indem sie die Signalübertragung nach Bindung des T-Zell-Rezeptors (TCR) stören [17]. Bei der TCR-Aktivierung steigt der intrazelluläre Kalziumspiegel, was die Aktivierung des Kalzium/Calmodulin-abhängigen Serin/Threonin-Phosphatases Calcineurin auslöst. Aktives Calcineurin dephosphoryliert den nukleären Faktor der aktivierten T-Zellen (NFAT), wodurch dieser in den Zellkern wandern und die Transkription von Zytokinen wie Interleukin-2 (IL-2) anregen kann – ein entscheidender Schritt für die Proliferation und Effektorfunktion von T-Zellen [18]. Cyclosporin bindet an Cyclophilin, Tacrolimus an FKBP12; beide Wirkstoff-Immunophilin-Komplexe hemmen anschließend die Phosphatase-Aktivität von Calcineurin. Dadurch wird die IL-2-Genexpression unterdrückt, was das autokrine Wachstumssignal für die T-Zell-Klonalexpansion unterbricht [19]. Dieser Mechanismus macht Calcineurin-Inhibitoren zu Schlüsseltherapeutika in der Organtransplantation und bei Autoimmunerkrankungen [20].
mTOR-Inhibitoren: Modulation der T-Zell-Proliferation und Differenzierung
mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus (Rapamycin) und Everolimus zielen auf den Serin/Threonin-Kinase mTOR (mammalian target of rapamycin), der Signale von Wachstumsfaktoren, Nährstoffen und Energiezuständen integriert, um Zellwachstum, Stoffwechsel und Proliferation zu regulieren [21]. Im Gegensatz zu Calcineurin-Inhibitoren verhindern mTOR-Inhibitoren nicht die initiale T-Zell-Aktivierung oder IL-2-Produktion, sondern blockieren die zelluläre Antwort auf IL-2, indem sie den mTOR-Komplex 1 (mTORC1) hemmen [22]. Nach IL-2-Bindung aktiviert der PI3K-Akt-Signalweg mTORC1, der wiederum die Proteinsynthese, die metabolische Umprogrammierung (z. B. Glykolyse) und den Übergang vom G1- in die S-Phase des Zellzyklus fördert [23]. Sirolimus bindet an FKBP12, und dieser Komplex inhibiert mTORC1, wodurch die ribosomale Biogenese und die cap-abhängige mRNA-Translation unterbunden werden, die für die T-Zell-Proliferation erforderlich sind [24]. Bemerkenswert ist, dass die mTOR-Hemmung die Effektor-T-Zellen (Teff) hemmt, während sie die Expansion und Funktion von regulatorischen T-Zellen (Tregs) fördert, was für die Immunotoleranz entscheidend ist [25]. Dieses einzigartige immunmodulatorische Profil trägt dazu bei, die alloreaktive Immunantwort zu reduzieren und kann das Risiko für chronische Abstoßung und posttransplantative Malignitäten senken [26].
Antiproliferative Agenzien: Hemmung der Nukleotid-Synthese und Zellzyklusprogression
Antiproliferative Agenzien wie Mycophenolat-Mofetil (MMF) und Azathioprin hemmen vor allem die DNA-Synthese und verhindern so die Proliferation von Lymphozyten während der klonalen Expansion [27]. MMF wird zu Mycophenolsäure (MPA) hydrolysiert, die selektiv und reversibel die Inosinmonophosphat-Dehydrogenase (IMPDH) inhibiert – ein Schlüsselenzym im de-novo-Weg der Guanin-Nukleotid-Synthese [28]. Da Lymphozyten stark von diesem Syntheseweg abhängig sind, während andere Zellen den Salvage-Weg nutzen können, führt die Depletion von Guanosinnukleotiden zu einem Stillstand in der S-Phase des Zellzyklus, was die DNA-Replikation und die Proliferation von T- und B-Zellen beeinträchtigt. Azathioprin ist ein Prodrug, das zu 6-Mercaptopurin metabolisiert und dann in Thioguaninnukleotide umgewandelt wird, die in DNA und RNA eingebaut werden und zu DNA-Mismatch und Hemmung der Purinsynthese führen [29]. Diese Störung des Nukleinsäurestoffwechsels und die Induktion von Zellzyklusarrest wirken sich besonders auf schnell teilende Immunzellen aus. Diese Agenzien werden häufig in Kombination mit Calcineurin- oder mTOR-Inhibitoren eingesetzt, um die immunosuppressive Wirksamkeit zu erhöhen [29].
Biologika: Zielgerichtete Immunmodulation durch monoklonale Antikörper
Biologika umfassen monoklonale Antikörper, die gezielt spezifische Immunzellen oder Zytokine angreifen. Zu den wichtigsten Vertretern gehören Rituximab und Basiliximab, die jeweils unterschiedliche Mechanismen und Anwendungsszenarien aufweisen. Rituximab ist ein chimärer monoklonaler Antikörper, der das CD20-Antigen auf der Oberfläche von B-Zellen erkennt, von der Prä-B- bis zur reifen B-Zelle, nicht jedoch auf Plasmazellen oder Stammzellen [31]. Seine immunosuppressive Wirkung entfaltet er durch mehrere Mechanismen: die antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität (ADCC), bei der NK-Zellen und Makrophagen CD20-positive B-Zellen zerstören; die komplementabhängige Zytotoxizität (CDC), die zur Aktivierung der Komplementkaskade und Zelllyse führt; und die Induktion von Apoptose durch direkte Signalgebung über CD20 [32]. Rituximab wird vor allem zur Desensibilisierung bei hochsensibilisierten Transplantationspatienten und zur Behandlung von antikörpervermittelter Abstoßung eingesetzt, da es die Bildung von Antikörpern und die antigenpräsentierende Funktion von B-Zellen unterbindet [33].
Im Gegensatz dazu blockiert Basiliximab die IL-2-Rezeptor-alpha-Untereinheit (CD25), die auf aktivierten T-Lymphozyten nach Antigen-Erkennung hochreguliert wird [34]. Durch Bindung an CD25 verhindert Basiliximab, dass IL-2 an seinen Hochaffinitätsrezeptor bindet, wodurch die IL-2-vermittelte Proliferation und klonale Expansion von T-Zellen unterbunden wird [35]. Basiliximab depletiert T-Zellen nicht, sondern hemmt selektiv deren Proliferation, was ihn zu einem wichtigen Induktionsmittel in der Nierentransplantation macht, wo er das Risiko für akute Abstoßung signifikant senkt [36].
Anwendungsgebiete in Transplantation und Autoimmunerkrankungen
Die gezielte Immunsuppression ist ein zentrales Therapieprinzip in der modernen Medizin, insbesondere bei Organtransplantationen und der Behandlung von Autoimmunerkrankungen. In beiden Kontexten zielt die Therapie darauf ab, schädliche Immunreaktionen zu unterdrücken – entweder um eine Abstoßung eines transplantierten Organs zu verhindern oder um eine überaktive Immunantwort gegen körpereigenes Gewebe zu dämpfen. Die Anwendung von Immunsuppressiva erfordert jedoch stets eine sorgfältige Abwägung zwischen therapeutischer Wirksamkeit und den erhöhten Risiken für Infektionen und Malignitäten.
Anwendung in der Organtransplantation
In der Organtransplantation ist die Immunsuppression lebensnotwendig, um die Abstoßung des Spenderorgans durch das Immunsystem des Empfängers zu verhindern. Das Immunsystem erkennt die fremden Humanen Leukozytenantigene (HLA) des Transplantats als nicht-selbst und initiiert eine alloreaktive T- und B-Zell-Antwort, die zur Transplantatabstoßung führen kann [37]. Die Standardtherapie umfasst in der Regel eine Kombination aus mehreren Wirkstoffklassen, um unterschiedliche Phasen der Immunantwort zu blockieren.
Die Therapie folgt einem dreiphasigen Ansatz: Induktionstherapie, Erhaltungstherapie und Abstoßungstherapie. Die Induktionstherapie erfolgt unmittelbar vor, während oder kurz nach der Transplantation und nutzt hochwirksame biologische Präparate wie polyclonale Antikörper (z. B. Antithymozytenglobulin) oder monoklonale Antikörper (z. B. Basiliximab), um die Immunantwort rasch zu unterdrücken und das Risiko einer frühen Abstoßung zu minimieren [9]. Die Erhaltungstherapie beginnt danach und wird lebenslang fortgesetzt. Sie kombiniert in der Regel einen Calcineurin-Inhibitor (z. B. Tacrolimus oder Cyclosporin), einen antiproliferativen Wirkstoff (z. B. Mycophenolat-Mofetil oder Azathioprin) und ein Corticosteroid (z. B. Prednison) [39]. In bestimmten Fällen können auch mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus oder Everolimus eingesetzt werden. Die Abstoßungstherapie wird bei akuten Abstoßungsreaktionen eingesetzt und umfasst in der Regel hochdosierte Corticosteroide oder Antikörper-basierte Therapien [2]. Die regelmäßige Überwachung der Medikamentenspiegel, insbesondere von Tacrolimus, ist entscheidend, um eine therapeutische Wirksamkeit sicherzustellen und Toxizitäten wie Nephrotoxizität zu vermeiden [41].
Anwendung bei Autoimmunerkrankungen
Bei Autoimmunerkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes (SLE), rheumatoider Arthritis oder entzündlichen Darmerkrankungen wird die Immunsuppression eingesetzt, um die Fehlregulation des Immunsystems zu korrigieren, die zu einer Angriff auf körpereigenes Gewebe führt. Die Therapieziele sind die Kontrolle der Krankheitsaktivität, die Prävention von Organverletzungen und das Erreichen einer Remission. Die Behandlung wird individuell an Schweregrad, betroffene Organe und Patientenfaktoren angepasst.
Zu den gängigen Immunsuppressiva gehören Corticosteroide (z. B. Prednison, Dexamethason) für eine schnelle antiinflammatorische Wirkung, antiproliferative Wirkstoffe wie Mycophenolat-Mofetil, Azathioprin oder Cyclophosphamid sowie biologische Wirkstoffe, die gezielt bestimmte Immunbestandteile angreifen [42]. Bei der Lupusnephritis empfehlen die KDIGO 2024-Leitlinien Mycophenolat-Mofetil oder eine niedrigdosierte Cyclophosphamid-Therapie in Kombination mit Corticosteroiden als Erstlinientherapie [43]. Biologika wie Rituximab (anti-CD20) oder Belimumab (anti-BAFF) werden bei refraktären Fällen oder bestimmten Krankheitsbildern eingesetzt. Im Gegensatz zur Transplantationsmedizin ist die Therapie bei Autoimmunerkrankungen oft weniger intensiv und kann in einigen Fällen zeitlich begrenzt oder abgesetzt werden, insbesondere wenn es gelingt, die Krankheitsaktivität zu kontrollieren und die Dosis von Corticosteroiden schrittweise zu reduzieren [44].
Unterschiede in den Therapieansätzen
Die Immunsuppressionsstrategien unterscheiden sich signifikant zwischen Transplantations- und Autoimmunerkrankungen. Bei der Organtransplantation ist die Therapie in der Regel intensiver, lebenslang und auf die Kombination mehrerer Medikamente ausgerichtet, um eine dauerhafte Akzeptanz des Transplantats sicherzustellen. In der Behandlung von Autoimmunerkrankungen hingegen zielt die Therapie darauf ab, die Krankheitsaktivität zu kontrollieren, wobei die Regime oft weniger aggressiv sind und eine schrittweise Reduktion oder sogar Beendigung der Therapie bei anhaltender Remission möglich ist [45]. Die Individualisierung der Therapie berücksichtigt bei beiden Indikationen Faktoren wie das immunologische Risiko, bestehende Komorbiditäten, das Infektionsrisiko und die genetische Veranlagung, beispielsweise Polymorphismen in den Cytochrom P450-Enzymen, die den Metabolismus von Wirkstoffen wie Tacrolimus beeinflussen [46]. Die kontinuierliche Entwicklung präziserer Ansätze, wie die Nutzung von Biomarkern zur Risikoabschätzung, trägt dazu bei, die Balance zwischen Wirksamkeit und Sicherheit in beiden Anwendungsgebieten zu optimieren.
Risiken und Komplikationen der Immunsuppression
Die gezielte oder pathologische Unterdrückung des Immunsystems ist zwar in vielen medizinischen Kontexten lebensrettend, bringt jedoch erhebliche Risiken und Komplikationen mit sich. Die Beeinträchtigung der Immunabwehr führt zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen, einem höheren Krebsrisiko und einer Reihe von organ- und stoffwechselbezogenen Nebenwirkungen. Diese Risiken erfordern eine sorgfältige Abwägung zwischen therapeutischem Nutzen und potenziellem Schaden, unterstützt durch enge klinische Überwachung und präventive Maßnahmen [4].
Erhöhte Anfälligkeit für Infektionen
Die signifikantste und unmittelbarste Komplikation der Immunsuppression ist die erhöhte Suszeptibilität für Infektionen. Durch die verminderte Fähigkeit des Körpers, Pathogene zu erkennen und zu bekämpfen, sind Patienten anfälliger für bakterielle, virale, pilzliche und parasitäre Erreger, insbesondere für opportunistische Infektionen, die bei immunkompetenten Personen selten oder harmlos verlaufen. Zu den häufigen Infektionen gehören bakterielle Pneumonien durch Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae und Neisseria meningitidis [48]. Virale Reaktivierungen, wie von Cytomegalie (CMV), Herpes simplex (HSV) und Varizella-Zoster-Virus (VZV), sind besonders häufig [49]. Pilzinfektionen durch Candida und Aspergillus treten vor allem bei Patienten mit Neutropenie oder beeinträchtigter zellulärer Immunität auf [49]. Parasitäre Infektionen wie die durch Pneumocystis jirovecii verursachte Pneumonie sind ein weiteres Risiko, das vom Grad der Immunsuppression abhängt [48]. Selbst bei Impfung bleiben immungeschwächte Personen einem überproportional hohen Risiko für einen schweren Verlauf von Atemwegsviren wie SARS-CoV-2 ausgesetzt [52].
Erhöhtes Risiko für maligne Erkrankungen
Eine Langzeitimmunsuppression ist mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Krebserkrankungen verbunden, hauptsächlich aufgrund der eingeschränkten Immunsurveillance, also der Fähigkeit des Immunsystems, bösartige Zellen zu erkennen und zu eliminieren. Zu den häufigsten Malignitäten gehören das posttransplantatives lymphoproliferative Syndrom (PTLD), das oft mit der Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus (EBV) assoziiert ist, sowie neue, sogenannte de novo Krebserkrankungen wie Hautkrebs (z. B. Plattenepithelkarzinom), Lungen-, Leber- und Nierenkrebs [5]. Viele dieser Krebserkrankungen sind mit onkogenen Viren verknüpft, deren Kontrolle durch ein intaktes Immunsystem normalerweise sichergestellt ist. Dazu gehören Hepatitis-B- und -C-Viren sowie das Humanes Papillomavirus (HPV), die bei immungeschwächten Patienten zu Leber- und Schleimhautkarzinomen führen können [54]. Das Krebsrisiko steigt mit der Dauer und Intensität der immunsuppressiven Therapie. Bestimmte Medikamente tragen unterschiedlich zum onkogenen Risiko bei; so sind Calcineurin-Inhibitoren mit einem erhöhten Risiko für Haut- und Leberkrebs assoziiert, während Purinsynthese-Inhibitoren wie Azathioprin durch Photosensibilisierung und DNA-Schäden mit nicht-melanomartigen Hautkrebsformen in Verbindung stehen [55].
Organ- und stoffwechselbezogene Toxizitäten
Viele immunsuppressiven Medikamente haben direkte toxische Wirkungen auf lebenswichtige Organe. Die Nierentoxizität ist eine der bekanntesten Komplikationen, insbesondere bei Transplantationspatienten, die mit Calcineurin-Inhibitoren wie Cyclosporin und Tacrolimus behandelt werden, die als nephrotoxisch gelten [56]. Bis zu 20 % der Lebertransplantationspatienten entwickeln innerhalb von fünf Jahren eine chronische Nierenerkrankung [57]. Auch die Leberfunktion kann durch bestimmte Immunsuppressiva beeinträchtigt werden; so können Methotrexat und Azathioprin Leberfunktionsstörungen verursachen, die eine regelmäßige Kontrolle der Leberenzyme erfordern [58]. Darüber hinaus führt die immunsuppressive Therapie häufig zu metabolischen Störungen, die das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen. Dazu gehören Diabetes mellitus, insbesondere unter Corticosteroiden und Tacrolimus [59], Hypertonie, die häufig mit Calcineurin-Inhibitoren assoziiert ist [56], und Dyslipidämie (abnorme Cholesterin- und Triglyceridwerte), die zur Atherosklerose und damit zu Herzinfarkten und Schlaganfällen beitragen [59].
Weitere Nebenwirkungen und Komplikationen
Neben den oben genannten Hauptkomplikationen können weitere Nebenwirkungen auftreten, die von dem jeweiligen Medikament abhängen. Dazu gehören gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, insbesondere unter Mycophenolatmofetil (MMF) [62]. Neurologische Effekte wie Tremor und Kopfschmerzen sind besonders mit Tacrolimus verbunden [58]. Mundliche Komplikationen, wie Zahnfleischwucherung unter Cyclosporin, sind ebenfalls bekannt [58]. Eine weitere wichtige Komplikation ist die Knochenmarksuppression, die zu Anämie, Leukopenie oder Thrombozytopenie führt, insbesondere bei der Gabe von MMF oder Azathioprin [65]. Diese vielfältigen Risiken machen eine sorgfältige und individuelle Langzeitüberwachung unerlässlich, um die Gesundheit der Patienten zu schützen und die Lebensqualität zu erhalten.
Infektionsprävention und Lebensstil bei Immunsuppression
Personen mit Immunsuppression weisen aufgrund eines geschwächten Immunsystems eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen auf, unabhängig davon, ob die Immunsuppression durch Erkrankungen wie HIV/AIDS, Krebs oder Autoimmunerkrankungen oder durch medizinische Therapien wie Chemotherapie oder Organtransplantation verursacht wird. Um das Risiko von Infektionen zu minimieren, sind evidenzbasierte lebensstilbezogene und präventive Maßnahmen unerlässlich [66].
Hygiene und Vermeidung von Infektionen
Die grundlegendste und effektivste Maßnahme zur Infektionsprävention ist die regelmäßige und gründliche Händehygiene. Betroffene sollten ihre Hände mindestens 20 Sekunden lang mit Seife und Wasser waschen, insbesondere vor dem Essen, nach dem Toilettengang und nach Kontakt mit potenziell kontaminierten Oberflächen. Wo Seife und Wasser nicht verfügbar sind, kann ein alkoholbasiertes Desinfektionsmittel mit einem Alkoholgehalt von mindestens 60 % verwendet werden [67]. Darüber hinaus sollten enge Kontakte mit kranken Personen vermieden werden, insbesondere mit Personen, die kürzlich mit einem Lebendimpfstoff geimpft wurden. In Zeiten von Grippewellen oder anderen Epidemien ist es ratsam, Menschenansammlungen und überfüllte Räume zu meiden. In Innenräumen mit hoher Besucherfrequenz, wie Krankenhäusern oder öffentlichen Verkehrsmitteln, kann das Tragen einer Maske das Risiko einer Atemwegsinfektion erheblich senken, insbesondere bei Personen mit einem hohen Risiko für schwere Verläufe, beispielsweise durch SARS-CoV-2 [68].
Impfungen
Die Aktualisierung des Impfstatus ist eine zentrale Komponente der präventiven Versorgung. Immuninkompetente Personen sollten alle empfohlenen Impfungen erhalten, die für ihren Gesundheitszustand sicher und wirksam sind. Zu den wichtigsten Impfungen gehören:
- Influenza (jährlich)
- Pneumokokken-Impfstoffe (PCV20 oder PCV15 gefolgt von PPSV23)
- COVID-19-Impfstoffe, einschließlich aktualisierter Formulierungen und zusätzlicher Dosen für Personen mit mittelschwerer bis schwerer Immunsuppression [69]
- Hepatitis A- und Hepatitis B-Impfstoffe
- Haemophilus influenzae Typ b (Hib)-Impfstoff
Lebendimpfstoffe wie MMR (Masern, Mumps, Röteln) oder Varizellen sollten grundsätzlich vermieden werden, es sei denn, ein behandelnder Arzt empfiehlt sie ausdrücklich [70]. Die Impfung von Haushaltsmitgliedern und engen Kontaktpersonen, um eine „Kokon-Immunität“ zu schaffen, ist ebenfalls von großer Bedeutung, um das Risiko einer Ansteckung mit Atemwegserregern wie Influenza, RSV oder SARS-CoV-2 zu verringern [71].
Lebensmittelhygiene
Aufgrund des erhöhten Risikos für schwere lebensmittelbedingte Krankheiten sind strenge Maßnahmen zur Lebensmittelhygiene erforderlich. Betroffene sollten unpasteurisierte Milchprodukte, Säfte sowie rohe oder unzureichend gegarte Eier, Fleisch, Meeresfrüchte und Sprossen meiden. Lebensmittel sollten auf eine sichere Kerntemperatur (z. B. Geflügel auf 74 °C) gegart werden. Obst und Gemüse müssen gründlich gewaschen werden. Zur Verhinderung von Kreuzkontamination sollten in der Küche separate Schneidebretter und Küchenutensilien für rohe und gegarte Lebensmittel verwendet werden [72].
Persönliche und Umwelt-Hygiene
Eine sorgfältige Mundhygiene und Hautpflege ist wichtig, um Infektionen durch kleine Wunden oder Hautabschürfungen zu verhindern. Um Verletzungen beim Rasieren zu minimieren, wird die Verwendung eines Elektrorasierers anstelle eines Rasierers mit Klinge empfohlen. Die Aufrechterhaltung einer sauberen Wohnumgebung, insbesondere von häufig berührten Oberflächen, trägt zur Reduzierung des Infektionsrisikos bei. Gartenarbeiten oder der Umgang mit Erde und Tierexkrementen sollten vermieden werden, da diese potenziell schädliche Pilze oder Bakterien wie Toxoplasma gondii enthalten können [73].
Gesunder Lebensstil
Ein gesunder Lebensstil kann die allgemeine Widerstandskraft unterstützen. Dazu gehört ausreichend Schlaf, um die Funktion des Immunsystems zu fördern [74]. Regelmäßige, moderate körperliche Aktivität kann die Immunaktivität verbessern. Die Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Meditation oder Beratung ist wichtig, da chronischer Stress die Immunantwort beeinträchtigen kann. Das Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum sollten vermieden werden, da sie die Immunität weiter schwächen [75].
Medizinische Nachsorge und Prophylaxe
Patienten sollten die Empfehlungen ihres Arztes bezüglich prophylaktischer Antibiotika oder Antivirale befolgen, insbesondere nach einer Organtransplantation oder Stammzelltransplantation [76]. Regelmäßige ärztliche Untersuchungen sind notwendig, um den Immunstatus zu überwachen und präventive Strategien bei Bedarf anzupassen. Die Nachsorge umfasst auch die regelmäßige Krebsvorsorge, beispielsweise Hautuntersuchungen, Zervixkarzinom-Abstriche (Pap-Test) und Koloskopie, um das erhöhte Krebsrisiko unter Immunsuppression zu adressieren [5].
Therapeutisches Drug Monitoring und individuelle Dosierung
Therapeutisches Drug Monitoring (TDM) ist ein zentraler Bestandteil der Langzeittherapie mit Immunsuppressiva, insbesondere bei Patienten nach einer Organtransplantation. Ziel des TDM ist es, die Konzentrationen von Immunsuppressiva im Blut zu messen, um eine optimale Balance zwischen Wirksamkeit und Toxizität zu gewährleisten [78]. Aufgrund der engen therapeutischen Breite, der erheblichen inter- und intra-individuellen Variabilität im Stoffwechsel und der engen Korrelation zwischen Blutspiegel und klinischen Ergebnissen ist eine individuelle Dosierung unerlässlich [79].
Pharmakokinetische Grundlagen und Monitoring-Strategien
Die Pharmakokinetik von Immunsuppressiva, insbesondere von Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus und Cyclosporin, ist durch eine hohe Variabilität gekennzeichnet, die durch Faktoren wie genetische Polymorphismen, Leber- und Nierenfunktion, gastrointestinale Resorption und Arzneimittelwechselwirkungen beeinflusst wird [80]. Beide Substanzen werden über das Cytochrom P450-System, insbesondere die Isoenzyme CYP3A4 und CYP3A5, metabolisiert. Polymorphismen im Gen CYP3A5 haben einen besonders starken Einfluss auf den Tacrolimus-Stoffwechsel: Expresser (z. B. CYP3A5 *1/*1 oder *1/*3) benötigen deutlich höhere Dosen, um therapeutische Spiegel zu erreichen, im Vergleich zu Nicht-Expressern (CYP3A5 *3/*3) [81]. Diese Erkenntnisse haben zur Entwicklung pharmakogenetischer Leitlinien geführt, die eine genetikbasierte Dosisanpassung empfehlen [82].
Die am häufigsten verwendete TDM-Strategie ist die Bestimmung der Spiegel unmittelbar vor der nächsten Dosis (C0). Bei Tacrolimus liegen die Zielbereiche je nach Zeitpunkt nach der Transplantation und Organart zwischen 5–15 ng/mL (z. B. Nierentransplantation) [83]. Bei Cyclosporin wurde die Messung des 2-Stunden-Postdose-Spiegels (C2) als besserer Prädiktor für die gesamte Exposition (AUC) und klinische Ergebnisse etabliert, insbesondere in der Herz- und Lebertransplantation [84]. Für Mycofenolat-Mofetil (MMF) ist die Bestimmung der AUC aufgrund der hohen Variabilität des aktiven Metaboliten Mycophenolsäure (MPA) ideal, wird aber aufgrund des hohen Aufwands oft durch Limited Sampling Strategies (LSS) ersetzt [85].
Arzneimittelwechselwirkungen und CYP450-Modulation
Aufgrund ihrer Metabolisierung über CYP3A4 und CYP3A5 sind Tacrolimus und Cyclosporin besonders anfällig für Arzneimittelwechselwirkungen. Inhibitoren dieses Enzymsystems führen zu erhöhten Immunsuppressiva-Spiegeln und einem höheren Risiko für Toxizitäten wie Nephrotoxizität und Neurotoxizität. Zu den wichtigsten Inhibitoren gehören Azol-Antimykotika (z. B. Ketoconazol, Voriconazol), Makrolidantibiotika (z. B. Clarithromycin) und Proteaseinhibitoren (z. B. Ritonavir) [86]. Die Komedikation mit Ketoconazol kann die Tacrolimus-Spiegel um das 3- bis 10-Fache erhöhen und erfordert eine Dosisreduktion um 50–80 % [87]. Umgekehrt können Induktoren wie Rifampicin, Phenytoin und Johanniskraut (Hypericum perforatum) die Spiegel senken und das Risiko für eine Transplantatabstoßung erhöhen [88]. Auch Grapefruitsaft, der CYP3A4 und P-glykoprotein im Darm hemmt, kann die Bioverfügbarkeit von Tacrolimus erhöhen [89].
Individuelle Dosierung und Risikominderung
Die individuelle Dosierung von Immunsuppressiva basiert auf einem integrierten Ansatz, der TDM, pharmakogenetische Daten und klinische Parameter kombiniert. Die Einhaltung der Medikation ist ein entscheidender Faktor, da Non-Adhärenz ein Hauptgrund für Transplantatabstoßung und -verlust ist [39]. Digitale Hilfsmittel wie Apps und intelligente Pillendosen können die Adhärenz verbessern [91]. Die Reduzierung der Immunsuppression bei stabilen Patienten, insbesondere die Minimierung oder der Verzicht auf Corticosteroide und die Umstellung auf mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus oder Everolimus, kann das Risiko für Stoffwechselstörungen, Infektionen und Malignome senken [56]. Die Entwicklung von Biomarkern wie zellfreier DNA (dd-cfDNA) ermöglicht eine nicht-invasive Überwachung der Transplantatgesundheit und könnte zukünftig die Entscheidungsfindung bei der Dosisanpassung unterstützen [93]. Insgesamt zielt die personalisierte Immunsuppression darauf ab, die langfristige Überlebensrate des Transplantats und des Patienten durch eine präzise, auf den individuellen Risikoprofil abgestimmte Therapie zu verbessern [94].
Fortschritte in der gezielten Immunsuppression und Toleranzinduktion
Die Entwicklung präziserer und gezielterer Strategien zur Immunsuppression sowie die Induktion von Immunotoleranz gehören zu den zentralen Zielen der modernen Transplantationsmedizin und der Behandlung von Autoimmunerkrankungen. Im Gegensatz zu herkömmlichen, breit wirksamen Immunsuppressiva, die das gesamte Immunsystem dämpfen und dadurch das Risiko für Infektionen und Malignitäten erhöhen, zielen neuartige Ansätze darauf ab, nur die schädlichen Immunreaktionen zu unterdrücken, während die allgemeine Immunabwehr erhalten bleibt. Diese Entwicklung verspricht eine Verbesserung der Langzeitprognose und der Lebensqualität von Patienten [95].
Gezielte biologische Therapien und Antikörper
Ein bedeutender Fortschritt liegt in der Entwicklung gezielter Biologika, die spezifische Komponenten des Immunsystems ansprechen, ohne eine globale Immunsuppression hervorzurufen. Dazu gehören monoklonale Antikörper, die auf bestimmte Zytokine oder Oberflächenmoleküle abzielen. Beispielsweise blockieren TNF-α-Inhibitoren wie Infliximab oder Adalimumab einen zentralen Entzündungsmediator und werden erfolgreich bei Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Morbus Crohn eingesetzt [96]. Ebenso zielen IL-6-Rezeptor-Blocker wie Tocilizumab oder IL-17/IL-23-Inhibitoren auf spezifische Entzündungskaskaden ab, was eine effektive Kontrolle der Krankheitsaktivität bei gleichzeitig besserer Erhaltung der Immunüberwachung ermöglicht [97]. Ein vielversprechender Ansatz ist der Einsatz von Anti-CD154-monoklonalen Antikörpern, die die Co-Stimulation von T-Zellen hemmen und so die Antikörper-vermittelte Transplantatabstoßung verhindern könnten [98].
Zelluläre Therapien: CAR-Treg-Zellen
Ein bahnbrechender Ansatz ist die Entwicklung von chimären Antigenrezeptor-regulatorischen T-Zellen (CAR-Tregs). Diese Zellen werden aus dem eigenen T-Zellen-Bestand des Patienten gewonnen und genetisch so verändert, dass sie einen spezifischen Rezeptor (CAR) tragen, der ein Antigen auf dem Transplantat oder in einem autoimmunen Gewebe erkennt [99]. Sobald die CAR-Treg-Zellen ihr Zielantigen erkennen, wandern sie dorthin und entfalten ihre immunsuppressive Wirkung durch die Freisetzung von anti-inflammatorischen Zytokinen wie IL-10 und TGF-β, die metabolische Umgebung zu verändern oder antigenpräsentierende Zellen zu modulieren [100]. Der entscheidende Vorteil dieser Therapie besteht darin, dass die Immunsuppression lokal und antigen-spezifisch erfolgt, wodurch die systemische Immunabwehr gegen Erreger und Impfungen weitgehend erhalten bleibt [101]. Klinische Studien untersuchen derzeit die Wirksamkeit von CAR-Tregs bei der Prävention der Transplantatabstoßung und bei Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes mellitus [102].
Toleranzinduktion durch gemischte Chimerismus
Ein langfristiges Ziel ist die Induktion einer dauerhaften Transplantattoleranz, bei der das Immunsystem das fremde Gewebe als „eigen“ akzeptiert und keine lebenslange Medikation erforderlich ist. Ein vielversprechender Weg hierzu ist der gemischte Chimerismus. Dabei werden dem Empfänger nach der Transplantation auch Stammzellen des Spenders verabreicht. Diese Spenderzellen etablieren sich im Knochenmark des Empfängers und führen dazu, dass das Immunsystem sowohl eigene als auch fremde Antigene toleriert. Klinische Studien, wie das Programm an der UCLA, erforschen diese Strategie, um eine medikamentenfreie Nierentransplantation zu ermöglichen [103]. Diese Ansätze zielen darauf ab, die natürlichen Mechanismen der Immunotoleranz, wie sie in der peripheren Toleranz durch regulatorische T-Zellen und Immun-Checkpoint-Wege stattfindet, nachzuahmen [104].
Rolle von mTOR-Inhibitoren und Kombinationstherapien
Die Wahl des Immunsuppressivums spielt eine entscheidende Rolle für die langfristige Sicherheit. Während Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus oder Cyclosporin effektiv die Abstoßung verhindern, sind sie mit einer erhöhten Inzidenz von Tumoren wie dem posttransplantativen lymphoproliferativen Syndrom (PTLD) assoziiert [55]. Im Gegensatz dazu weisen mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus oder Everolimus antiproliferative Eigenschaften auf und können das Risiko für solche malignen Erkrankungen senken [106]. Die Umstellung von einem Calcineurin-Inhibitor auf einen mTOR-Inhibitor wird daher bei Patienten mit einem hohen Tumorrisiko als Risikominderungsstrategie diskutiert [107]. Zudem fördern mTOR-Inhibitoren die Expansion und Funktion von regulatorischen T-Zellen, was die Induktion von Toleranz unterstützen kann [25].
Persönliche Medizin durch Biomarker und Pharmakogenomik
Die Zukunft der Immunsuppression liegt in der personalisierten Medizin. Fortschritte in der Pharmakogenomik ermöglichen es, die Dosierung von Medikamenten wie Tacrolimus basierend auf genetischen Polymorphismen in Enzymen wie CYP3A5 zu optimieren, wodurch die Zeit bis zur Erreichung therapeutischer Blutspiegel verkürzt und das Risiko für Nephrotoxizität oder Abstoßung reduziert wird [46]. Gleichzeitig revolutionieren neue Biomarker die Überwachung des Immunschutzes. Die Bestimmung von donorabstammender zellfreier DNA (dd-cfDNA) im Plasma des Empfängers ist ein hochsensitiver, nicht-invasiver Marker für Transplantatschäden und kann subklinische Abstoßungsreaktionen frühzeitig erkennen [93]. Die Analyse von Genexpressionen und Immunzell-Phänotypen ermöglicht eine detaillierte Einschätzung des „Netz-Zustands der Immunsuppression“ und hilft, das Gleichgewicht zwischen ausreichendem Immunschutz und minimalem Risiko für Infektionen und Malignitäten zu finden [111]. Diese Werkzeuge sind entscheidend, um die Vision einer maßgeschneiderten Immunsuppression zu verwirklichen, die die langfristige Transplantat- und Patientenüberlebensrate nachhaltig verbessert.
Langzeitmanagement und Lebensqualität unter Immunsuppression
Das Langzeitmanagement unter Immunosuppression zielt darauf ab, die Balance zwischen der Prävention von Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantationen oder der Kontrolle von Autoimmunerkrankungen und der Minimierung schwerwiegender Nebenwirkungen zu optimieren. Dieser Prozess erfordert eine individuelle, langfristige Strategie, die auf dem Konzept des „Netz-Zustands der Immunsuppression“ basiert – einer Gesamtbewertung des Immunsuppressionsgrades, der durch Medikamente, Komorbiditäten und Umweltfaktoren beeinflusst wird [112]. Die Lebensqualität der Patienten hängt entscheidend davon ab, wie gut diese Balance erreicht wird, insbesondere im Hinblick auf Infektions- und Malignitätsrisiken sowie metabolische Komplikationen.
Individuelle Immunsuppression und Pharmakogenomik
Die personalisierte Immunsuppression hat sich in den letzten Jahren durch Fortschritte in der Pharmakogenomik und der Biomarker-basierten Überwachung signifikant weiterentwickelt. Polymorphismen im Gen CYP3A5 beeinflussen beispielsweise maßgeblich den Metabolismus von Tacrolimus, wobei Expresser des Enzyms höhere Dosen benötigen, um therapeutische Blutspiegel zu erreichen [46]. Ähnlich beeinflussen Varianten im ABCB1-Gen, das für den P-Glykoprotein-Transporter kodiert, die intrazelluläre Exposition gegenüber Immunsuppressiva und damit die Wirksamkeit und Toxizität [114]. Die prospektive genetische Testung ermöglicht eine gezielte Anfangsdosierung, was die Zeit bis zur Erreichung des therapeutischen Bereichs verkürzt und das Risiko akuter Abstoßung oder Nephrotoxizität verringert [115]. Auch bei mycophenolatmofetil (MMF) beeinflussen genetische Variationen die Exposition gegenüber Mycophenolsäure (MPA) und deren Toxizität, was die Entwicklung pharmacokinetik-basierter Dosisanpassungsstrategien vorantreibt [116].
Risikominimierung bei Infektionen und Malignitäten
Ein zentraler Aspekt des Langzeitmanagements ist die Reduzierung des erhöhten Risikos für Infektionen und Malignitäten. Die Prävention umfasst mehrere Säulen: Prophylaxe, Screening und Impfung. Bei hohem Risiko für Pneumocystis jirovecii-Pneumonie (PCP) ist die Prophylaxe mit Trimethoprimsulfamethoxazol (TMP-SMX) Standard, insbesondere bei Patienten mit starker T-Zell-Immunsuppression oder bei Gabe von Kortikosteroiden in Dosen über 10 mg Prednisonäquivalent pro Tag [117]. Für Patienten mit hohem Risiko für Cytomegalie-Infektion, wie bei D+/R−-Transplantationen, wird universelle Prophylaxe mit Valganciclovir für 3–6 Monate empfohlen [118]. Bei Hämatopoetische-Stammzell-Transplantation hat Letermovir die Prophylaxe verbessert, da es CMV-Viämie effektiv reduziert, ohne myelosuppressiv zu wirken [119].
Die Malignitätsprävention umfasst regelmäßige Krebsvorsorgeuntersuchungen, insbesondere Hautuntersuchungen zur Früherkennung von nicht-melanomalen Hautkrebsarten, deren Inzidenz bei Transplantatempfängern bis zu 250-mal höher ist als in der Allgemeinbevölkerung [120]. Die Umstellung von Calcineurin-Inhibitoren oder Azathioprin auf mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus kann das Risiko für Hautkrebs und posttransplantatives lymphoproliferatives Syndrom (PTLD) reduzieren, da diese Wirkstoffe antiproliferative Eigenschaften besitzen [121]. Die Überwachung der Epstein-Barr-Virus-DNA im Blut mittels quantitativer PCR ermöglicht eine präemptive Reduktion der Immunsuppression bei ansteigender Viremie und verhindert so die Entwicklung von PTLD [122].
Lebensqualität und Patientenorientierung
Die Lebensqualität unter Immunsuppression wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst, darunter Nebenwirkungen der Medikamente, psychosoziale Belastungen und die Angst vor Komplikationen. Während die Kontrolle der Grunderkrankung die körperliche Funktion und das Wohlbefinden verbessert, können Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Hirsutismus, Stimmungsschwankungen und gastrointestinale Beschwerden die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen [123]. Die Integration von patientenbezogenen Outcomes (PROs) wie dem SF-36 oder dem EQ-5D in die klinische Routine ermöglicht eine objektive Erfassung dieser subjektiven Belastungen und unterstützt die Therapieanpassung [124]. Strategien zur Verbesserung der Lebensqualität umfassen die Reduktion von Kortikosteroid-Dosen, die Umstellung auf gezieltere Therapien und die Unterstützung durch psychosoziale Interventionen wie kognitive Verhaltenstherapie oder Peer-Support-Gruppen [125].
Therapeutisches Drug Monitoring und neue Biomarker
Das Therapeutische Drug Monitoring (TDM) bleibt eine Säule des Langzeitmanagements, insbesondere für Wirkstoffe mit engem therapeutischem Fenster wie Cyclosporin und Tacrolimus. Die Überwachung der C0-Werte (Talspiegel) ist Standard, wobei die Zielbereiche je nach Transplantat und Zeitpunkt nach der Transplantation variieren [83]. Bei Cyclosporin wird zunehmend die C2-Überwachung (2 Stunden nach der Einnahme) eingesetzt, da diese besser mit der Gesamtexposition (AUC) korreliert [127]. Neben dem TDM gewinnen funktionelle Immunassays an Bedeutung. Der ImmuKnow-Assay misst beispielsweise die ATP-Freisetzung aus CD4+-T-Zellen und soll den globalen Immunsuppressionszustand bewerten, wobei niedrige Werte auf Überimmunsuppression und hohe Werte auf ein erhöhtes Abstoßungsrisiko hindeuten [128]. Zudem ermöglichen neue Biomarker wie die Analyse von zellfreier DNA (cfDNA) eine nichtinvasive Detektion von Transplantatverletzungen und subklinischer Abstoßung, was die Notwendigkeit für Biopsien reduziert [93]. Diese Fortschritte tragen dazu bei, die Immunsuppression dynamisch und präzise an den individuellen Bedarf anzupassen.